Fotoausstellung „Henri – Model – Arbus“ in der Bochumer Situation Kunst

Die Sängerin fotografierte Lisette Model 1946 in New York, zu sehen in Bochum.
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Die Sängerin fotografierte Lisette Model 1946 in New York, zu sehen in Bochum.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Die Sängerin im Café Metropol sieht aus, als stünde sie unter Strom. Der offene Mund, die geweiteten Augen. Und der Bühnenschmuck direkt hinter dem Kopf erweckt den Eindruck, als stünden ihre Haare zu Berge. Lisette Model nahm das Foto 1946 in New York auf. Es spricht zu uns noch immer.

Zu sehen ist das Bild in der Ausstellung „Henri – Model – Arbus. Menschenbilder“ in der Situation Kunst in Bochum. Mit rund 50 Aufnahmen werden drei Fotografinnen aus aufeinanderfolgenden Generationen vorgestellt. Sie sind miteinander verbunden, die jüngeren lernten jeweils von ihrer Vorgängerin. Die Schau wurde mit Studenten der Uni Bochum erarbeitet, mit der die Situation Kunst institutionell kooperiert. Mit Kuratorin Maria Schulte arbeiteten sie an Hängung und Katalog. Die Bilder sind Vintage Prints aus renommierten Museen wie dem Folkwang Museum Essen, der SK Kulturstiftung Köln und dem Museum Ludwig Köln.

Die Ausstellung verfolgt eine weibliche Traditionslinie der Fotografiegeschichte, die in der öffentlichen Wahrnehmung meistens männlich besetzt ist. Schon Florence Henri (1893–1982) aber setzte sich früh durch, schon, weil sie so gut in der europäischen Kunstszene vernetzt war. Bei ihrem Studium am Bauhaus hatte die Französin bei Josef Albers, László Moholy-Nagy und Wassily Kandinsky studiert. Ein Porträt des russischen Malers von 1935 zeigt, dass sie diese Kontakte pflegte. In den 1920er Jahren entwickelte sie experimentelle Bildkonzepte, unter anderem mit dem Einsatz von Spiegeln. Ihre streng komponierten Studioporträts vermittelten ein für die Zeit emanzipatorisches Frauenbild. Sie zeigt selbstbewusst in sich ruhende Frauen, in Nahaufnahme, oft sogar noch angeschnitten. 1930 hatte sie in Paris ein eigenes Studio eröffnet. Hier unterrichtete sie ab 1937 Lisette Model.

Die gebürtige Wienerin (1901–1983) wurde berühmt mit einer sozialkritischen Fotoserie von reichen Müßiggängern auf der Promenade des Anglais in Nizza, die 1935 in Regards erschienen, einer Zeitschrift der kommunistischen Partei. Model nannte als ihr Arbeitsprinzip: „Shoot from the guts!“ (Schieß’ aus dem Bauch) Ihre Aufnahmen wirken oft wie Schnappschüsse, fixieren die schlafende Bettlerin auf der Straße, die kleine Frau mit dem Schultertuch, die gerade die Treppe herabsteigt. Aber die Aufnahmen sind präzise komponiert. Die Sängerin zum Beispiel liegt exakt auf der Bilddiagonalen, was die Spannung erhöht. Und für eins ihrer berühmtesten Bilder, die Badende auf Coney Island (1939–41), inszeniert sie ihr beleibtes Modell in bildfüllender Monumentalität, breitbeinig, vorgebeugt, eine Mischung aus schaumgeborener Venus und welttragendem Atlas. Model, die 1938 in die USA emigriert war, fürchtete in den 1950er Jahren die Linkenhatz von McCarthy. Sie wandte sich von der aktiven Fotografie ab und unterrichtete. Eine ihrer Schülerinnen war Albus.

Die gebürtige New Yorkerin (1923–1971) hatte als schon als Modefotografin gearbeitet, als sie in den späten 1950er Jahren Workshops bei Model besuchte. Heute gilt sie als Porträtistin von Freaks und Außenseitern. Die Bildauswahl in Bochum zeigt, dass das eine verengte Sicht ist. Gewiss sieht die Nudistin am Waldrand, die nichts trägt als Armband, Halskette, Schuhe und eine extravagante Schwanensonnenbrille (1965) exzentrisch aus. Und der patriotische junge Mann mit der Flagge (1967) wirkt im harten Schlaglicht unvorteilhaft geistesabwesend. Aber Mutter und Sohn auf der Parkbank (1965) sind doch ganz normale Mittelklassebürger, auch wenn besonders seine Korpulenz ins Auge sticht. Und im Porträt des jungen Paars findet Arbus zu einer berührenden Intimität, das Mädchen scheint sich wegzuducken hinter ihre vorfallenden Haare.

25.1.–20.4., mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0234/ 29 88 901,

www.situation-kunst.de,

Katalogheft 6 Euro

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