Das Demenz-Drama „Vater“ in Bochum

Der Verfall eines Menschen: Bernd Rademacher in Florian Zellers Stück „Der Vater“ am Schauspielhaus Bochum.
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Der Verfall eines Menschen: Bernd Rademacher in Florian Zellers Stück „Der Vater“ am Schauspielhaus Bochum.

Bochum - Und wer ist das jetzt? Diese Frau? André hat sie noch nie gesehen. Das Publikum in den Bochumer Kammerspielen auch nicht. Gerade war da doch noch Anne, Andrés Tochter. Sie wollte das frisch eingekaufte Huhn in die Küche bringen. Und jetzt steht da diese Fremde?

In „Vater“ (2012) lässt der französische Dramatiker Florian Zeller die vierte Wand verschwinden. Es geht um Demenz in dieser tragischen Farce, und Andrés fortschreitende Verunsicherung sickert in den Zuschauerraum ein: Wenn da diese fremden Menschen plötzlich in der Wohnung stehen. In welcher Wohnung überhaupt? Auf einmal sind Möbel da oder weg oder ganz woanders (heran- und weggeschleppt vom achtköpfigen Bewegungschor). Und dann redet Anne dem Vater gut zu für das Gespräch mit der neuen Pflegerin Laura, die sich gleich vorstellen wird. Dabei war die war doch schon längst da.

Orte, Zeiten, Geschehnisse entgleiten André, und Zeller entzieht die Ordnung der Dinge bis zu einem gewissen Grad auch den Zuschauern. Ein Kunstgriff, der Anteilnahme und Distanz bewusst macht. Regisseur Alexander Riemenschneider hebt ihn in seiner berührenden Inszenierung hervor und schafft so ein besonderes, emotionales Theatererleben. Riemenschneider hält die fünf Stationen von „Vater“ in Bewegung. „Die Erde dreht sich weiter“, sagt André irgendwann, und auch der Zerfall seines Vermögens, die Welt zu erfassen, steht nicht still. Zunächst ist André noch in der eigenen Wohnung, dann zu Anne und ihrem Freund Pierre gezogen, am Ende sitzt er in einem Heim.

Das Vertraute verschwindet wie die Requisiten, die zwischendurch hin- und hergeschafft werden: Kommode, Schubkarre, Paddelboot, Esstisch, Mofa. André will die weiße Stehlampe festhalten, doch sie wird ihm abgenommen. Er findet sich immer weniger zurecht, wird verlegen, wütend, misstrauisch, ängstlich.

Bernd Rademachers Vater rutscht in den anderthalb pausenlosen Stunden allmählich aus der Fasson. Es gibt viele Marker für den Zerfall: seine Kleidung zum Beispiel. Erst das gediegene karierte Sakko, zum dunkelblauen Hemd das passende Einstecktuch, später der zerknitterte Pyjama mit Jerseyjacke (Kostüme: Lili Wanner). Als er die Hose runterzieht, trägt er eine Windel.

Kaum merklich verlässt ihn die Körperbeherrschung. Da braucht es zunächst nur trippelnde Vorsicht, um die Pantoffeln von den Füßen zu streifen ohne zu straucheln. Dann wird der Gang schlurfender und stockt, schließlich hockt er im Sessel, die Füße baumeln über dem Boden. Rademacher lässt André schrumpfen – eine bestürzende, mit großartiger Beiläufigkeit gespielte Regression.

Das Mitleid, das Andrés Verfall antippt, wird sofort gestört von seinen Unverschämtheiten und seiner Undankbarkeit. So wirkt sein Verhalten zumindest in der Draufsicht, und dann ist es von komischer Boshaftigkeit. Aber Zellers Stück macht gleichzeitig Andrés Perspektive durchsichtig: Indem er sich an Erinnertes und Angebliches klammert, kommen ihm Höflichkeit und Umgangsformen abhanden. Tapsig gerät sein Versuch, Laura (Sarah Grunert stellt sie mit amüsierter Berufsroutine vor) zu bezirzen, ein Glas Whisky und eine Stepptanzvorführung inklusive.

Wo denn Elise sei, ihre jüngere Schwester, will er von Anne wissen, „die mag ich doch viel lieber“. Und mit wegwerfender Handbewegung informiert er Pierre, dass Anne sich verhalte „wie ihre Mutter“. Mit der Demenz des Vaters verdunstet der Schein familiärer Harmonie.

Pierre (Roland Riebeling mit nicht immer verhohlener Aggression) ist von Andrés Anwesenheit nicht begeistert. Das Paar musste wegen ihm in letzter Minute seinen Urlaub absagen, und jetzt steht der gemeinsame Umzug nach London an.

Xenia Snagowski hat als Anne einige verzweifelte Momente: Wie soll es weitergehen? Sie fühlt sich verantwortlich für den Vater, der eine Pflegerin nach der anderen vergrault, und muss Betreuung organisieren, um ihrem Job nachgehen zu können. Snagowski zeigt Anne als respektvolle, patente Tochter. Andrés Gemeinheiten („Sie ist halt nicht die Schlauste“) verbucht sie nicht als Kränkung, sondern als Symptom seiner Demenz. Und sie verzichtet darauf, seiner Erinnerung nachzuhelfen: Elise starb bei einem Autounfall.

18., 25.2., 5., 14., 19., 27.3., 2.4.; Tel. 0234 / 33 33 55 55;

www.schauspielbochum.de

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