Fazil Say als Pianist und Komponist in Essen

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Einen ambitionierten Dialog mit Mozart führte Pianist Fazil Say in der. Philharmonie Essen

ESSEN - Gustav Mahler ist sattsam zitiert worden mit seinem Ausspruch „Tradition ist Bewahrung des Feuers, nicht Anbetung der Asche“. Aber das Wesentliche an diesem Satz ist so lebendig wie die Flamme, die er beschwört: Wer Musik von vor 100, 200 Jahren spielt, muss ein Feuer schüren, das im Hier und Jetzt leuchtet und zugleich ein Licht wirft in die Vergangenheit.

Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say ist einer, der Feuer in sich trägt, davon sprechen seine Werke: Arbeiten, in denen die Flammen hoch schlagen können, die aber gleichzeitig verbindend wirken. Say vereint Strukturmerkmale der westlichen Klassik, Mikrointervalle der Neuen Musik mit Tonleitern der osmanischen Klassik, jagt Harmonik vom Balkan durch den Modernisierer und spricht direkt ins Ohr, zielt auf Geist und die Eingeweide.

In der Philharmonie Essen spielten Say und die Camerata Salzburg ein Programm, das verbindend wirkte im schönsten Sinne. Jedes Stück Says war einem Mozart-Werk gegenübergestellt. Das ist künstlerisch mehr als selbstbewusst, aber auch geschickt. Say hatte mit Mozart-Einspielungen große Erfolge, weil seine Momentkünstlerschaft – seine Art, Musik aus dem Augenblick heraus, wie improvisatorisch, entstehen zu lassen – ausgezeichnet zum spielerischen, lebendigen Element Mozarts passt.

Dass Say kein Hüter der reinen Lehre ist, weiß jeder, der seine zahlreichen Auftritte in der Region verfolgt hat. In Essen klingt Mozarts 12. Klavierkonzert federnd, sogar etwas scharfkantig, mit einem gut gestaffelten, dunkel grundierten Klang der Camerata, zugleich aber innig und sanglich. Say hat ein tiefes Gespür für Bewegungsimpulse in der Musik. Das ist besonders schön zu hören im Andante des Klavierkonzerts, in dem er im ersten Vorstellen des Themas ein Stocken hörbar macht. Um dieses Stocken kreist der ganze Satz, der damit zu einer Synthese wird aus Bewegung und Innehalten, aus lichten und dunklen Stimmungen. Mozart Sanglichkeit, seine strukturelle Klarheit kommt zu ihrem Recht, zugleich ist die Musik zutiefst individuell und heutig. Fusionen machen Says Interpretationen interessant.

Dem Klavierkonzert ging Says Chamber Symphony opus 62 (2015) voraus, gespielt von den Streichern der Camerata. Says Stil ist kompakt und klar, seine Markenzeichen – die treibende Rhythmik, die schrägen harmonischen Stiche, die reichen, schweren Melodien – fest in eine Form gefasst.

In der Chamber Symphony setzt Say seine Bildhaftigkeit, die Kontraste zwischen brachialer Rhythmik und einer zerrissenen, dann wie aus dem Moment heraus gebündelten Melodik, gezielter ein. Zu Beginn pumpen die Celli und Kontrabässe einen Rhythmus, die Violinen und Bratschen stechen hinein mit Melodiefetzen; Miniexplosionen aus der osmanischen Melodietradition heraus. Die Musik ist deutlich perkussiv, die Streicher klopfen auf die Korpusse und spielen col legno, mit dem Bogenholz. Fetzenhaft jagen Melodieteilchen einher, bis sich eine Melodie löst, so reich und schwer wie Wein. Darauf folgt ein betörender Teil; über ein harfenähnliches Pizzicato legen die Violinen eine Melodie. Flageolettflüstern, Pfeifen, Raunen: die Musik ist bildhaft und direkt, aber klassisch in Form gebracht.

Auf Mozarts Sinfonie Nr. 29., sehr straff und energetisch gespielt von der Camerata, folgte Says Klavierkonzert Nr. 2, „Silk Road“ (1994). Da spricht sich ein jüngerer Mann aus, der seine Talente beweisen will. Das präparierte Klavier klingt ambitioniert, zugleich findet der Hörer Bekanntes: nachgeahmte Zither-Töne oder ein lautmalerisches Schnarren. In „Silk Road“ gibt es eine Stelle, da spielen die Geigen eine Melodie, als laste das Licht fern auf Bergen, komme dann näher und näher. Es endet mit einem Marsch, der lockt, nahe kommt und weiter zieht. Diese Musik trifft das Herz.

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