Essen zeigt Prokofjews „Orangen“

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Die böse Hexe Fata Morgana (Teiya Kasahara) hofft zu triumphieren. Neben ihr Albrecht Kludszuweit (Truffaldino). Szene aus der Essener Premiere von „Die Liebe zu den drei Orangen“.

Essen - So kann man sich’s in der Oper gemütlich machen: In der ersten Reihe des schicken blauen Aalto-Theaters sitzt ein pummeliger Mann in Clowns-Outfit und mümmelt Popcorn, klammert sich an der Brüstung zum Orchestergraben an und starrt gespannt auf die Bühne. Damit endet in Essen Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“: Ein kugeliger kleiner Kerl hat seinen Spaß.

An der Aalto-Oper ist eine Inszenierung der Oper zu sehen, die der Regisseur Laurent Pelly vor zehn Jahren für Amsterdam gemacht hat. Aus Prokofjews farce-haftem Meta-Theater macht er eine niedliche Unterhaltungsnummer mit Spielkarten wie bei „Alice im Wunderland“.

Die böse Zauberin Fata Morgana hat ein rotes Kelch-Kleid an, das der Herzkönigin in „Alice“ ebenso gut stehen würde. Überall gibt’s Spielkarten, in Stapeln, gerollt, geknickt und als Ballett-Tütüs. Pelly greift auf die Szene zurück, die das Spiel am Hof von König Treff erst in Gang bringt. Fata Morgana (Teiya Kasahara) und der Zauberer Tschelio (Bart Driessen) zocken um die Thronfolge. Denn der Prinz hat das Lachen verloren. Trübselig liegt er in einer Spielkarten-Schachtel, seine Medizin neben ihm aufgereiht.

Fata Morgana gewinnt das Spiel und damit wird wohl des Königs böse Nichte Clarisse, die mit dem Kanzler Léandre (Heiko Trinsinger) im Bunde ist, Thronerbin. Das will aber niemand, und so kommt der Spaßmacher Truffaldino ins Spiel, eben der Popcornmümmler, der am Ende zufrieden zusieht, wie oben auf der Bühne alles gut wird. Albrecht Kludszuweit, ein Tenor mit Buffotalent und Durchschlagskraft, belebt die ganze Oper mit seinem sicheren, wortdeutlichen Gesang – Prokofjew selbst legte bei dieser Oper höchsten Wert auf Deklamation – und seinen Clowns-Turnereien. Das Ensemble ist insgesamt verlässlich gut: von Till Faveyts, der den König druckvoll gibt, über An de Ridders‘ verlässlich-böser Clarisse. Alexey Sayapin mit seinem schönen lyrischen Tenor kommt als Prinz leider häufig gegen den Orchesterklang nicht an. Die drei Orangen-Prinzessinnen sind mit Marie-Helen Joel, Christina Hackelöer und Christina Clark bezaubernd besetzt. Die Essener Philharmoniker unter Yannis Pouspourikas arbeiten an einem spielerischen Klang, verfallen aber häufig der Versuchung, üppig zu spielen, darüber gerät das Leichte, Spöttische aus dem Blick, aber auch die Schärfe, die unbedingt in die Musik gehört.

Der Prinz zieht im Pyjama los – sollte Pelly etwa Doctor Who geschaut haben? – und sucht die drei Orangen. Nachdem er über Fata Morgana endlich lachen konnte, hat sie ihn verflucht, in heillose Liebe zu drei Orangen zu verfallen. Sie werden aus der Küche einer weiteren bösen Zauberin gerettet. Die Köchin wurde von Pelly als suppenkelleschwingende Hexe von gargantuanischen Dimensionen ausstaffiert und ist vorhersehbarerweise ein Erfolg für Baurzhan Anderzhanov, der die Cross-Dressing-Rolle mit Verve spielt und singt.

Die Zauberei gerät vor all den Karten plakativ und überschaubar. Es ist eine kindertaugliche, niedliche Inszenierung. Die Farce-Elemente beschränken sich auf die in der Partitur vorgeschriebenen Einsätze der Chöre, die in die Handlung eingreifen, wahlweise mehr Tragik oder mehr Liebe fordern und die letzte Prinzessin vor dem Verdursten retten. Dass sie eigentlich wilde Auseinandersetzungen zwischen Fraktionen eines aufkommenden modernen Theaters spiegeln sollen, wird völlig vernachlässigt. Die Komik geht in der Märchen-Handlung auf. Aus dem Meta-Theater wird ein Zauber-Ding: schön anzuschauen, jedoch vorhersehbar und völlig unbissig.

Edda Breski

26., 28. 11., 2., 6., 9., 11., 19. 12., 7., 17., 22. 1. 2016;

Tel. 0201/81 22 200

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