Emily Brontës „Sturmhöhe“ in Oberhausen

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Schmerzvolle Dreiecksbeziehung: Szene aus „Sturmhöhe“ in Oberhausen mit Angela Falkenhan (Catherine), Peter Waros (Heathcliff) und Sergej Lubic (Edgar, rechts).

Von Ralf Stiftel -  OBERHAUSEN Einen Klassiker der englischen Literatur bringt die junge Regisseurin Lily Sykes auf die Bühne des Theaters Oberhausen: Emily Brontës „Sturmhöhe“. Ein opulenter Schmachtfetzen um die bösen Geister, die unerfüllte Liebe und ungerechte Behandlung heraufbeschwören.

Und die großen Gefühle lassen wohl keinen Zuschauer kalt, wenn sie sich umarmen und schlagen, wenn sie sich nicht kriegen und leiden und sterben.

Am Anfang fühlt man sich fast wie bei Loriot, wenn Erzählerin Nelly (Anja Schweizer) sich in den Stuhl setzt wie eine Märchentante, zum dicken Buch greift und zu erzählen anhebt. Dem Gast aus der Stadt berichtet sie, was sich einst zwischen dem Gut Wuthering Heights und dem Herrenhof Thrushcross Grange zutrug, mit Helden, die Heathcliff heißen, Hindley und Hareton. Aber die Romanautorin aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wollte nicht scherzen, und auch auf der Bühne geht es bitterernst zu. Hier toben die Leidenschaften schlimmer als die wüstesten Stürme. Und Lily Sykes findet dafür berückend intensive Bilder.

Ausgebreitet wird eine Familientragödie mit vielen Leichen im Keller. Heathcliff kommt als Findelkind auf das Gut Wuthering Heights, zu den Geschwistern Hindley und Catherine. Er hasst und mobbt den Stiefbruder. Sie findet einen Gefährten für ihre wilden Neigungen zur Natur. Hindley wird ins Internat verbannt. Am Tag, als der Vater begraben wird, kommt Hindley mit einer jungen Frau zurück – und demütigt Heathcliff, indem er ihn zum Diener macht. Obwohl Catherine Heathcliff liebt, heiratet sie, gedrängt von ihrem Bruder, Edgar, den reichen und kultivierten Besitzer des Nachbarguts. Heathcliff verschwindet – und kehrt Jahre später zurück, zu Bildung und Geld gekommen und auf der Suche nach Rache. Zwei Familien gehen zugrunde.

Auch wenn hier keine Vampire durch die Nachtnebel huschen, spukt es in dieser Inszenierung. Hindleys Frau Frances (Sina Martens) wirkt, bleich geschminkt im weißen Kleid, mit langen Wallehaaren, wie eine Fee aus dem Schattenreich. Oft breiten Sykes und Bühnenbildnerin Christina Mrosek auch Tücher aus, am kleinen Tisch zum Beispiel, unter dem Lockwood Zuflucht sucht, und dann erwachen Schatten als Gespenster. Oder wenn vorn die feine Gesellschaft Weihnachtslieder singt, prügelt im Bühnenhintergrund hinter der Gaze Hindley seinen Stiefbruder durch. Oder wenn Catherine die Eifersucht ergreift, tanzen die Schatten von Heathcliff und Isabella auf dem Stoff und sie schwingen Mantel und Jacke wie in einem Stripclub. Später, als Hindley sich aus Trauer dem Alkohol hingibt, taucht er aus einer Klappe im Bühnenboden auf wie ein Kastenteufel. Unterdessen erzeugt David Schwarz in der Rolle des Zuhörers Lockwood sphärische Musik an Cembalo, E-Gitarre und Computer. Und manchmal, wenn an der Bühnenseite die Tür aufgeht, strömen Licht und ein Schwall Schneeflocken herein.

Wunderschöne Bilder für einen seelischen Vernichtungskrieg. Das Oberhausener Ensemble spielt wieder seine Stärken aus. Angela Falkenhan ist als Cathy eine grandiose Hysterikerin, die ihrem sanften und großzügigen Ehemann mit Betteln und Drohungen den Kontakt zu Heathcliff abringt. Mal liegt sie matt auf dem Sofa, dann entfesselt sie mit Schreien und Herumlaufen und Kissenzerfetzen einen Privatsturm. Dann wieder bestimmt sie Vögel nach den Federn, im Rückfall in das Kinderglück eine Wiedergängerin von Ophelia, unschuldig und wahnsinnig. Peter Waros gibt den undurchsichtigen und unberechenbaren bösen Liebhaber, der Unrecht erlitt und nun neues Unrecht begeht, manchmal ein gewandter Gesprächspartner, oft aber ein Wutbruder. Sergej Lubic spielt Edgar, anfangs als braven Bürger mit Machoanwandlungen, der mit einem Schenkelklopfen sein Frauchen zu sich auf den Schoß kommandiert. Bald aber spürt man seine Schmerzen, er ist überfordert von Leidenschaften, die er nie entwickeln wird. Und Henry Meyer gibt den Hindley erst als lebenslustigen Haustyrann, später als misanthropischen Alkoholiker.

Drei Stunden lang säuft hier eine Gesellschaft im englischen Hochmoor ab. Eine große Leistung. Aber man fragt sich schon, wo dieses so kunstvoll wie künstlich konstruierte Liebes- und Rachedrama unsere Gegenwart berührt.

28., 30.1., 6., 7., 22.2., 4., 7.3., Tel. 0208/ 85 78 184,

www.theater-oberhausen.de

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