„Earth is my witness“: Bilder des Naturfotografen Art Wolfe in Iserlohn

Die Adlerjäger in der Mongolei erbeuten mit ihrem Greifvogel sogar Wölfe. Art Wolfes Foto ist in Iserlohn zu sehen. - ©Art Wolfe Inc.

ISERLOHN - Hoch spritzt die Gischt, und aus der Woge taucht der Braunbär auf, an dem man jedes Fellhaar sehen kann. Art Wolfes Foto fixiert eine Naturgewalt in aller Dynamik und Wucht. Der Fotograf hat dafür einiges auf sich genommen. Er stieg in den Fluss im Katmai-Nationalpark in Alaska, und er musste warten, bis das Tier frontal auf ihn zusprang. Wobei es nicht den Menschen angriff, sondern fischte.

Zu sehen ist das Foto in der Städtischen Galerie Iserlohn. Das Haus hat sich einen solchen Ruf als Ort anspruchsvoller Foto-Ausstellungen gemacht, dass es in Kooperation mit dem Stadtmuseum Schleswig die erste Retrospektive des Künstlers ausrichtet. Rund 130 Aufnahmen führen den Besucher in alle Weltgegenden, zeigen Tiere, Pflanzen, den Sternenhimmel, Vulkanausbrüche und natürlich immer wieder Menschen in brillanten Kompositionen. Die großformatigen Abzüge entstanden übrigens in der Letmather Druckerei Zirbes und verbleiben bei der Galerie. Deren Leiter Rainer Danne vermittelt sie dann an weitere Museen.

Art Wolfe, 1951 in Seattle geboren, gehört zu den bekanntesten Naturfotografen der Welt. Seine Eltern waren Künstler, und er wollte zunächst Maler werden. Aber er merkte, dass er seine Ideen in der Fotografie besser verwirklichen kann. Den künstlerischen Blick merkt man jedem seiner Bilder an. Der englische Originaltitel dieser Werkschau lautet „Earth is my witness“, die Erde ist mein Zeuge. Wolfe will die Kostbarkeit und die Gefährdung des Blauen Planeten dokumentieren. Das Bild eines einzelnen Pinguins auf einer Eisscholle sieht er als Warnung vor dem Klimawandel.

Viele entstanden durchaus geplant. Da wählte Wolfe im Kloster Norbutse Bon in Kathmandu die Aufsicht, um die Mönche in ihren knallroten Gewändern und gelben Hüten abzulichten. Und er liebt Kompositionen mit Kreisen. Für eine andere Aufnahme legte er sich auf den Boden und bat die Mönche, sich über ihn zu beugen. Das Bild erinnert an den Aufbau einer Blüte. Dieses Vorgehen ist typisch für ihn. Er sagt, dass er seine Bilder im Voraus visualisiert. Aber er entwickelt seine Ideen aus der Situation heraus, seine Arrangements wirken nie gezwungen. Die Adlerjäger in der Mongolei zum Beispiel posieren natürlich vor seiner Kamera. Aber er achtet nicht nur auf die passende Beleuchtung, sondern zeigt die Weite der Landschaft und den Wind, der die Fellmütze des Kasachen aufwirbelt. Seine Porträts sind sehr nah, tiefenscharf, präzise. Das gilt für die prachtvoll gekleidete Frau aus Rajasthan mit den auffällig gelben Augen ebenso wie für die Löwin in Botswana.

Dass er kreisförmige Kompositionen liebt, würde der Ausstellungsbesucher merken, auch wenn Wolfe es nicht in einem seiner knappen Bildkommentare mitgeteilt hätte. So sieht man immer wieder Aufnahmen nach diesem Schema, zum Beispiel Tänzer in Bali. Und auch der Fischer mit seinem geflochtenen Hut, der einen Korb mit seinem Fang trägt, mutiert in der Aufsicht zu zwei sich überschneidenden Kreisen.

Auch Landschaften verwandelt Wolfe in fast abstrakte, sehr malerische Bilder. Die Reisterrassen in Honghe Hani (Yunnan, China) ähneln verblüffend den Glasfenstern der Art nouveau. Und die Bergketten der Dolomiten zeigt Wolfe als Farbspektakel vom Schwarzgrau vorn über bläuliche Berge dahinter bis zum rot-orange glühenden Himmel. Dabei bleiben die Details realistisch: Im Vordergrund sieht man jede Linie des schrundigen Felsgrunds. Manchmal greift Wolfe extrem ein: In Island fotografiert er den Rest eines geschmolzenen Eisbergs, ein faszinierend glitzerndes, durchscheinendes Gebilde, das er sich vorher passend in die Küstenlandschaft stellte und mit Steinen fixierte.

Wolfe macht aus seiner Kunst kein großes Geheimnis, oft lesen sich die Kommentare an den Bildern wie Rezepte, mit genauen Details zu Kamera, Objektiv, Brennweite und Belichtungszeit. Ob sich gleichwohl jemand findet, der sich hautnah vor einer Familie von Brillenkaimanen in Brasilien auf den Boden legt, auch wenn er weiß, dass die Menschen der Umgebung sie regelmäßig füttern? Vieles erleidet Wolfe stellvertretend für uns, um etwas zu zeigen, das wir sonst so schnell nicht sehen würden, wie die Gletscherhöhle in Island, 30 Meter tief, die aussieht wie ein Palast auf einem anderen Planeten.

Manchmal geht Wolfe wie ein Jäger vor, legt sich an einem Pfad in der Antarktis auf die Lauer, den Eselspinguine benutzen. „Die Tiere kamen so dicht an mir vorbei, dass mich ihre Flügel mehrmals streiften.“

Aber er lässt auch vom richtigen Moment überraschen. Aus dem Flugzeug nahm er eine nächtliche Kamelkarawane auf, deren Schatten auf einer Sanddüne eine geisterhafte Parallellinie zieht. Auch dieses Foto entstand unter Schwierigkeiten: Seine luftkranken Mitflieger waren mit ihren Spucktüten beschäftigt. Und manchmal ist ihm das Glück hold: Auf dem Weg zum Tempel in Wakayama (Japan) sah er schneebedeckte Zweige vor einer roten Holzwand – und hielt drauf. Wenige Minuten später hatte ein Windstoß die perfekte Poesie des Augenblicks zerstört.

Art Wolfe. Earth is my witness. Städtische Galerie Iserlohn.

Bis 1.5., mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02371/217 1940,

www.galerie-iserlohn.de

Mehr als ein Katalog ist der Prachtband Art Wolfe: Eden. Piper Verlag, München. 396 S., 79 Euro

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