Düsseldorfs Kunsthalle zeigt Song Dongs Installation „Waste Not“

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Reinigungsmittel aus China: In der Kunsthalle Düsseldorf kommt man den Alltagsutensilien ganz nah.

DÜSSELDORF Mehr Ausstellungsstücke wird es in der Düsseldorfer Kunsthalle nie gegeben haben. Über 10 000 Utensilien aus dem Alltag hat der chinesische Künstler Song Dong für seine gleichnamige Schau gestellt, geschichtet und gestapelt. Diese Material- und Produktmasse in „Waste Not“ (Kein Müll/Verschwende nichts...) hält einen ganz eigentümlich gefangen.

Wer den großen Saal in der Kunsthalle betritt, kann sich nicht entziehen. Schüsseln, Flaschen von Reinigungsmitteln, Pullover, Blumentöpfe, Kabelreste, Medikamentenschachteln und Kuscheltiere – um nur ein paar Dinge zu nennen – erzählen vom individuellen wie globalen Leben. Man steht demütig und erstaunt zwischen dieser Vielfalt. Wer kennt das nicht?

Song Dong, 1966 in Peking geboren, zählt seit den 90er Jahren zu den international bekannten Konzeptkünstlern aus dem Reich der Mitte. Er beendete seine klassische Malerei-Ausbildung 1989. Die brutale Niederwerfung des Aufstands auf dem Tian’ammen Platz in Peking sorgte dafür, dass Song Dong seine künstlerische Arbeit korrigierte. Fortan malte er keine Bilder mehr, sondern fragte sich, wie der einzelne Mensch in China von politischen Entscheidungen beeinflusst wird. Veränderung ist auch ein Kraftfeld im Taoismus. Die ostasiatische Denkschule spürt dem Hier und Jetzt unter dem Eindruck des Wandels nach.

Die Installation „Waste Not“ (seit 2005) geht eigentlich auf die Sammelleidenschaft von Zhao Xiangyuan zurück, Song Dongs Mutter. Ihr Elan, alles aufzuheben, was eine zeitlang zu ihrem Alltag zählte, geht auf die Idee zurück, alles wirklich nochmal gebrauchen zu können. Der Mehrwert von Gebrauchsdingen ist für jeden Menschen nachvollziehbar. In Deutschland hat vor allem die Kriegs- und Nachkriegsgeneration das Bewahren von Materialien als Überlebenshilfe verinnerlicht. Für Song Dong zeugt die Sammlung seiner Mutter von den Veränderungen zwischen dem traditionellen China und der radikalen Modernität der letzten Jahre. In Düsseldorf befinden sich zahllose Plastikflaschen in einem Haus aus gebrauchtem Holz und Eisenstangen. Es stand neben dem Elternhaus des Künstlers und war im Zuge der Olympischen Spiele 2008 in Peking abgerissen worden. Auch andere Arbeiten Song Dongs greifen auf die große Stadterneuerung in Peking zurück. China will sich fortschrittlich zeigen, und zerstörte seine Hutongs, seine Altstadtviertel. „House Doorplate“ (1997) ist eine serielle Arbeit, die Hausnummern mit Kisten von Schutt und Bauresten verbindet. Es sind „Reliquien“, sagt Song Dong, die an Menschen und Häuser aus seiner Kindheit erinnern.

Die Installation „Waste Not“ wird seit 2009 in zahlreichen und namhaften Ausstellungsplätzen weltweit präsentiert. Zhao Xiangyuan ist in dem Jahr gestorben. Und nicht mal alle Überreste ihres Lebens sind zu sehen. Aber streng geordnet ist „Waste Not“. Thematisch sind alle Schuhe, alle Blusen und Hemden, alle Puppen, Fahrradschläuche, Nägel, Schrauben, Sperrholzplatten, Plattenspieler, Kordeln, Volieren und Schirme zusammen, meist im Rechteck sortiert. So wird ein bisschen stille Ewigkeit für das Verbrauchte rekuriert. Von der expressiven Überhöhung des Produkts, ob Tomatensuppen-Dose oder Spitzhacke, wie in der US-Pop Art („Bigger than life“), ist Song Dong aber weit entfernt.

In Düsseldorf sind auch zahlreiche Video-Arbeiten zu sehen. Dabei liebt Song Dong die visuelle Überraschung. „Broken Mirror“ beispielsweise zeigt dem Betrachter eine Stadtansicht Pekings, die sich als Spiegelung entpuppt, als Song Dong mit dem Hammer „das Bild“ zerschlägt. Aus einer prächtigen Tempel-Ansicht wird eine Straße mit Radfahrern, statt repräsentativem Gebäude sind dann Wohnsilos zu sehen, statt weitläufigem Blick über Peking, blicken wir in die fragenden Augen von Chinesen. Song Dong schafft Begegnungen. Mit einer Spiegelfolie, die der Künstler entzündet, erzeugt er ähnliche Bildeffekte.

Die Ausstellung „Song Dong“ ist eine Retrospektive, die sehr viel über China erzählt. „My First Home“ (2012) ist ein Haus (5,8 Quadratmeter), in dem früher eine ganze Familie lebte. „Bicycle“ (2004) ist ein Video, das zwei Kamerafahrten durch Peking nebeneinanderstellt, die den Wandel über zehn Jahre dokumentieren: Bibliothek, Hauptquartier der Kommunistischen Partei, die Verbotene Stadt, die Einkaufstraße Xidan, eine Straße mit Polsterern – was sich verändert hat.

Fotografien, Installationen und Videos belegen, dass Song Dong gern mit der Vielzahl von Dingen arbeitet. „Eating the City“ (Die Stadt essen) ist das Video einer Installation, bei dem aus Süßigkeiten eine Stadt gebaut wird: Hochhäuser aus Schichtwaffeln, Schokolade und Bonbons. Nachdem die Massen an Lebensmitteln verbaut sind, blickt die Kamera auf Besucher, die die süße Kunst vernaschen. Das Video ist 2015 in Brasilia entstanden und macht Spaß.

Bis 13. März; di-so 11–18 Uhr, Silvester geschlossen, Neujahr 11–18 Uhr; Katalog (in Englisch) 35 Euro; Tel. 0211/ 89 962 40; www.kunsthalle-duesseldorf.de

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