„Die Freiheit muss man sich nehmen“: Meret Oppenheim in Ahlen

Eine Ikone der Kunstgeschichte: Auf Man Rays Foto aus der Serie „Érotique voilée“ (1933) posiert Meret Oppenheim.
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Eine Ikone der Kunstgeschichte: Auf Man Rays Foto aus der Serie „Érotique voilée“ (1933) posiert Meret Oppenheim.

AHLEN - Bevor Meret Oppenheim eine legendäre Künstlerin wurde, war sie Muse und Modell der Surrealisten. Eine Ikone ist Man Rays Foto von ihr, wie sie 1933 nackt im Atelier des Druckers Louis Marcoussis an der Druckerpresse posiert, mit Kurzhaarschnitt, den farbbeschmierten linken Arm an die Stirn erhoben.

Das Bild steht gleich am Anfang der Ausstellung „Die Freiheit muss man sich nehmen“ im Kunstmuseum Ahlen. Von Sonntag an sind dort 200 Werke Oppenheims und rund 50 Arbeiten ihrer Freunde zu sehen. Seltsam findet es Museumsdirektor Burkhard Leismann, dass es in der Region noch keine große Präsentation ihrer Arbeiten gegeben hat. In Berlin freilich widmete man ihr 2013 eine Retrospektive.

Das Kunstmuseum stützt sich auf die Bestände der Hamburger Galerie Levy. Das Schlüsselwerk des Surrealismus, das Alfred H. Barr 1936 für 50 Dollar für das New Yorker Museum of Modern Art ankaufte, fehlt freilich. Das „Frühstück in Pelz“: Tasse, Untertasse und Teelöffel, alle mit Pelz bezogen. Indirekt ist es allerdings schon gegenwärtig, Oppenheim musste immer wieder damit auf Fotos posieren. Und sie selbst griff das Motiv auf zum Beispiel in einem colorierten Poster, das die Tasse ähnlich verfremdet wie Andy Warhol in seinen Serigrafien die Monroe oder Elvis.

Oppenheim (1913–1985) wurde in Berlin geboren, beschloss mit 18 Jahren, dass sie Künstlerin werden wolle, und zog nach Paris. Dort lernte sie die Künstler im Umkreis des Surrealismus kennen, Alberto Giacometti, Hans Arp, Man Ray. Mit Max Ernst war sie einige Zeit liiert. Sie arbeitete als Autodidaktin, entwarf in der mitte der 1930er Jahre auch Schmuck und Mode. In Ahlen sieht man zum Beispiel eine postum angefertigte Version ihrer „Knochenkette“. Da lebte sie schon wieder in der Schweiz, dem Land ihrer Großeltern. Eine Schaffenskrise dauerte bis in die 1950er Jahre. Dann entfaltete sie eine überschäumende Produktivität. 1967 widmete ihr das Moderna Museet in Stockholm eine Retrospektive, sie nahm 1982 an der documenta 7 teil, sie erhielt Preise.

Die wildere Hälfte des Surrealismus prägt das Werk von Meret Oppenheim. Kunst ist hier weniger das vollendete, glatte Handwerk als die spontane, überraschende, verblüffende Idee. Was nicht heißt, dass ihr grafisches Werk reizlos wäre. Der provokative Akt „Einhornhexe“ (Tusche, 1943) überblendet eine üppige, breitbeinig liegende Frauenfigur mit den mythischen Gestalten des Zyklopen und des Einhorns. Sie schuf aber auch ein abstraktes Relief wie „Garibaldina“ (weiß gefasstes Aluminium, 1952), das von Arps reduzierten Arbeiten inspiriert sein mag. Sie zeichnete „Steine“, darunter die „sogenannten Eier der Osterinsel“ (1975) und schuf die poetische Serie der „Parapapillonneries“ (1975), farbige Lithografien von Fantasieschmetterlingen. Auch das Umdeuten von Alltagsobjekten behielt sie bei, aus einem Bierkrug und Fell schuf sie 1969 ein „Eichhörnchen, ein bemaltes Auspuffrohr wurde zur „Termitenkönigin“ (1975). Die pointiertesten Arbeiten freilich schuf sie im Medium der Fotografie. 1964 zeigte sie eine Röntgenaufnahme ihres Schädels als Selbstporträt. Und ein Foto von sich gestaltete sie mit Spray und Schablone um zum „Tätowierten Porträt“ (1980).

Sehr sinnfällig ist die Konfrontation ihrer Arbeiten mit der von Zeitgenossen, denn Oppenheim arbeitete ständig gut vernetzt. So sieht man zwei Radierungen von Picasso, Zeichnungen von Marcel Jean, Fotos von Man Ray und Dora Maar. Besonders im zweiten Teil der Schau, wenn es um die Nachkriegszeit geht, sieht man, wie sie jüngere Kollegen inspiriert. Die Lebensmittelbilder von Dieter Roth, die mit Teig gefüllten und gebackenen „Brotschuhe“ von Daniel Spoerri, die Federmaschine „Constante“ von Jean Tinguely, die Collagen aus Sandpapier von Eduardo Arroyo denken die Ideen einer Unangepassten überraschend weiter.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr, Bis 1.5., mi - fr 14 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 02382/ 91 830, www.kunstmuseum-ahlen.de, Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 30 Euro

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