David Bösch inszeniert Shakespeares „Othello“ in Bochum

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Jago (Felix Rech, links) zeigt Othello (Matthias Redlhammer), wie er seine Gattin Desdemona umbringen kann. Szene aus der Bochumer „Othello“-Inszenierung.

Von Achim Lettmann -  BOCHUM Liebe, Hochzeit, Glück – Zeichentrickbilder projizieren das Muster von Zweisamkeit im Schauspielhaus Bochum. Es geht nicht um Romeo und Julia, Hamlet und Ophelia, wie die Shakespeare-Paare später in einem neckischen Liedchen verulkt werden, es geht hier um Othello und Desdemona, denen Regisseur David Bösch in einem düsteren Misstrauensdrama zu Leibe rückt.

Ganz unprätentiös lässt Bösch erstmal das „allerschönste Paar“ erzählen, wie es zu ihren Gefühlen kam, wie die Liebe ihr Leben verband. Ein zeitloses Wunder also, das uns die beiden nahe bringt, wäre da nicht diese letzte Zurückhaltung bei Othello. Matthias Redlhammer erscheint im schwarzen Feldherrnmantel. Ein Offizier, der auch im Überschwang nicht ganz frei wirkt, eher gezogen. Ihm gefällt die schöne Desdemona, ihr Plan vom Glück. Aber der Krieg ist eigentlich sein Metier, nicht das zivile Heim.

In Bochum tritt kein Moor von Venedig auf, der etwas Fremdes, aber auch Großmütiges mitbringt. Vielmehr ist Othello hier einer von uns, der wegen seines Alters und seiner Aufgabe wenig Optimismus mitbringt. Und Shakespeares Suche nach dem Bewusstsein des wahren Menschen, die wird von Regisseur Bösch nicht fortgesetzt. Jago hat es sehr leicht. Felix Rech spielt den Fähnrich Othellos, der den Vorgesetzten auch körperlich überragt. Jago wird ins Spotlicht gerückt, wenn er wortreich den Cassio diffamiert, dem Othello den Vorzug als Leutnant gegeben hatte. Felix Rech tritt dabei wie ein klassischer Bösewicht aus dem Schatten der Säulenhalle, die eben noch von Othellos und Desdemonas Intimität erfüllt war. Sein Schurkenstück beginnt.

Und Jago wird unterstützt. Roderigo stürmt mit goldener Fliege und roten Schuhen auf die Bühne, um Desdemona einen Ring zu schenken. Zu spät. Die Enttäuschung des Edelmanns (Daniel Stock) macht sich Jago später zu nutzen, der Rache nehmen will wegen Othellos Postenvergabe. Unterstützt wird Jago auch von Regisseur Bösch, der Shakespeares Figuren verbiegt. Cassio entspricht hier ganz den Beschimpfungen Jagos, der so zunehmend die Deutungshoheit erlangt. Florian Lange spielt Cassio als labilen Bürohengst im hellblauen Hemd der Bundeswehr. Dass Othello dieser Witzfigur ein Amt überlassen hat, wirft kein gutes Licht auf den General. Seine Rede vor der Schlacht gegen die Türken bei Zypern ist ein realpolitisches Angebot. Visionen hat er nicht.

Das düstere Bühnenbild (Falko Herold) wird mit Schlaglicht und Schlachtendonner (Bernd Felder, Bernd Kühne) zur monströsen Kulisse für ein Ehedrama. Aus der heimlichen Inselhochzeit macht Regisseur Bösch einen romantischen Farbtupfer. Konfetti regnet, ein rotes Herz sinkt auf die Bühne und der Brautstrauß fliegt ins Publikum. Aber fortan ist Jago der Zeremonienmeister, der Cassio über ein Trinkspiel besoffen macht: Tequilla mit Salz und Zitrone, wer kennt das nicht. Die Schlägerei mit Rodrigo und Rodrigos Unterbuxe ist ein vulgärer Spaß, eine Buddy-Nummer, mit der in der Filmwelt ganze Komödienreihen ausstaffiert werden. Weshalb Desdemona für das stinkende Partymonster Cassio später Partei ergreift, um ihm nach der Degradierung wieder auf die Beine zu helfen, ist nicht nachvollziehbar und zählt zur hölzernen Logik der Bochumer Inszenierung. Auch Emilia, Jagos Frau (Xenia Snagowski), wird zur Regieschubse im finalen Blutrausch.

Als Jago bei Othello den Zweifel sät und Desdemona des Ehebruchs beschuldigt, legt der Feldherr die Stirn in Falten und gibt den wahnsinnigen Zweifler. Beim Ehekrach ertönt Metal-Musik (Karsten Riedel), den Blues hat dann Desdemona, die sich grämt. Friederike Becht spielt die Liebende als moderne Frau, die die Eifersucht ihres Mannes verkennt, obwohl er alkoholisiert – wie Cassio – zum Berserker wird, dem Jago die Mordtat einflüstert.

Regisseur Bösch hat „Othello“ im zweiten Teil zu einer langatmigen, aber blutigen Dämonie aufgedehnt. Cassio tanzt vor Othello mit dem Taschentuch Desdemonas, das ihren Fehltritt beweisen soll. In Othello kocht die Wut. Rache folgt, was sonst. Und die Dramaturgie ist mit der zynischen Schmähung auf Comic-Niveau angekommen. Längst ist die Regieanweisung greifbar, sich am perfiden Treiben zu delektieren.

Es gibt einen gewalttätigen Showdown, wie im Horrorfilm. Erst fällt Cassio mit Plastiktüte überm Kopf, dann Desdemona. Sie wird gefühlte Minuten lang gewürgt und letztlich erschossen, bevor Jago Rodrigo und seine Frau Emilia kaltblütig niederstreckt. Im letzten Bild bleiben in Bochum die Mordbuben übrig. Othello und Jago. Der Zweite hat gewonnen.

Das Stück

Shakespeares Menschensuche wird hier zum einseitigen Mordspiel, das sich am Bösen weidet und keine gesellschaftshumane Perspektive erlangt.

Othello am Schauspielhaus Bochum. 25., 30. Januar, 7., 14., 23., 28. Februar, 30. März, 18. April; Tel. 0234/3333 5555

www.schauspielhausbochum.de

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