The Libertines begeistern Fans im Kölner Palladium

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Köln - Nach elf Jahren Albumpause haben The Libertines "Anthems For Doomed Youth" veröffentlicht. Dazwischen lagen Drogenexzesse, Streitereien und Gefängnisaufenthalte. Am Mittwoch zeigte vor etwa 2500 begeisterten Zuschauern im Kölner Palladium, dass die britische Band um die Sänger Pete Doherty und Carl Barât längst zu alter Stärke zurückgefunden hat.

Der eine hat einen schwarzen Anzug mit nachlässig gebundenem Schlips an, der andere trägt eine rustikale Lederjacke und Cowboyhut. Rein optisch liegen Welten zwischen Peter Doherty und Carl Barât, den Brüdern im Geiste und den beiden gleichberechtigten Frontmännern der englischen Rockband The Libertines.

Pünklich um 21.15 Uhr betritt das Quartett am Mittwochabend die Bühne des längst nicht ausverkauften Kölner Palladiums die Bühne. Die Zeiten sind vorbei, in denen nicht sicher war, ob eine der Bands des einstigen Skandalrockers Doherty überhaupt auf die Bühne kommt und wenn ja, in welchen Zustand sich der 36-Jährige dabei präsentiert. Nur seine struppelige Mähne dokumentiert noch optisch früheres Chaos.

Und es wird ein grandioser Auftritt zum Abschluss der drei Städte umfassenen Mini-Tour durch Deutschland, der mit „Barbarians“ beginnt, einem dieser typisch eingängigen Songs der Libertines vom neuen Album "Anthems For Doomed Youth". Damit beendete die seit 2014 wiedervereinigte Band nach über elf Jahren ihre Albumpause und es reiht sich von seiner musikalischen Klasse nahtlos an den gefeierten Vorgängern „Up The Bracket“ (2002) und „The Libertines (2004) an. Die Band galt in den Nullerjahren als das größte Rockmusik-Versprechen aus Großbritannien. Doch die Libertines lebten ihre freigeistige Haltung fast bis zur Selbstzerstörung aus und waren das Spiegelbild einer verlorenen, sich verschwendenden Jugend.

Nun ist die Band tatsächlich auferstanden aus Dohertys Drogeneskapaden, aus den Grundmauern des persönlichen Zerwürfnises, gegipfelt in einem Einbruch von Doherty in Barâts Wohnung und einem anschließenden Gefängnisaufenthalt und verzweifelten Nachfolgebandversuchen von beiden.

The Libertines begeistern im Kölner Palladium

Was The Libertines in Köln liefern, ist eine 90-minütige Anhäufung von erhabenen Rocksongs aus allen drei Alben. Denn neben der jahrelangen Seifenoper, mit der speziell Doherty eher den Boulevard als die Musikzeitschriften füllte, gilt: Barât und Doherty sind hervoragende Komponisten und tolle Musiker. Exzessiv ist an diesem Abend eher die Dichte an guten Songs und Melodien. Es gibt Klassiker wie das großartige "The Man Who Would Be King" oder als neunten Song "What Katie Did". Dazu singen Doherty und Barât erstmals gemeinsam an einem Mikrophon und es wirkt fast so, als ob sich sich dabei küssen würden.

Zur melancholische Ballade "You're My Waterloo" hat der mit seinen großen Kulleraugen oft etwas verloren wirkende Pete Doherty seinen großen Auftritt mit einer Akustik-Gitarre im Scheinwerferlicht. Carl Barât begleitet ihm im Hintergrund am Piano, steht kurz für ein knackiges Gitarenriff auf, und setzt sich wieder ans Klavier. Aber eigentlich ist Barât derjenige, der die größten Gesangspassagen in dem 21 Songs umfassenden Set hat. Doherty wirkt stimmlich eher ein bisschen schüchtern und fast zurückhaltend, obwohl der Sound im Palladium eigentlich gut ist.

Das von der Altersstuktur her gemischte Publikum geht von Beginn an mit und wird mit Beschwingtem wie „Boys In The Band“ belohnt. Dazu kommen fesselndeGitarrenriffs von Barât und Doherty und die kräftigen, treibenden Schlagzeug-Beats von Gary Powell, der schon beim zweiten Song kein T-Shirt mehr trägt und John Hassalls Bassläufe, die für die Songs ein solides Fundament bilden. Das alles ist schön hymnisch, oft richtig schlau und auf dem Sockel aufbauend, der die Beat-Ära genauso umfasst wie die schrammelige Punk-Attitüde und den melodiöseren Brit-Pop.

Immer wieder suchen die vier Musiker, gemeinsam den Songanfang zu schaffen - doch das gelingt nicht immer. Aber diese kleineren Patzer sorgen für einen Charme des Unperfekten, der die Musik der Libertines eben auch schon immer ausgemacht hat. Das trifft besonders auf die Zugaben „What A Wasster“ und „Up The Bracket“ zu. Nach anderthalb Stunden verabschieden sich Doherty, Barât, Powell und Hassal und verbeugen sich immer wieder vor ihrem Publikum. Was bleibt, ist die Erinnerung an einem erhabenen Abend.

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