Bewegender deutscher Wettbewerbsfilm „24 Wochen“ auf der Berlinale

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Astrid (Julia Jentsch) kuschelt mit ihrer neunjährigen Tochter. Szene aus dem Film „24 Wochen“, dem deutschen Wettbewerbs-Beitrag auf der. Berlinale

BERLIN - „Es ist meine Entscheidung“, sagt Astrid, und im großen Saal des Berlinale- Palastes ist eine Frau zu hören, die „Ja“ sagt und der Filmfigur auf der Leinwand beipflichtet. Will Astrid den Abbruch ihrer Schwangerschaft in der 24. Woche? Darum geht es in dem Film „24 Wochen“.

Selten ist die Spannung bei den Vorstellungen der Wettbewerbsfilme auf den Internationalen Filmfestspielen in Berlin so atemlos, so lebensnah. Denn die Geschichte von Astrid und Markus hat keine Drehbuchvorbilder, aber findet in der Nichtöffentlichkeit unserer Zeit statt. Wird Astrid ihr Kind, das sie unterm Herzen spürt, das ein Downsyndrom und zwei Herzkammerfehler hat, ablehnen? Was sagt ihr Mann? Ihre Mutter? Die Gesellschaft?

Das ist der Fall, den Regisseurin Anne Zohra Berrached zu ihrem Abschlussfilm auf der Filmhochschule Baden-Württemberg gemacht hat. Es ist der einzige deutsche Film, der auf der Berlinale um den goldenen Bären antritt. Festival-Leiter Dieter Kosslick hat diesen Film auf die große Weltbühne geholt und ist ein Risiko eingegangen. „24 Wochen“ ist in seiner Ausstattung, seinen visuellen Mitteln und seiner Filmsprache tatsächlich eine Studienarbeit, eine gute und solide. Aber das Drehbuch von Carl Gerber und Anne Zohra Berrached ist ein Beispiel dafür, dass das Leben die härtesten Prüfungen bereithält, auf die niemand vorbereitet ist. Und darin liegt der Thrill des realistischen Kinos. Niemand möchte vor die Wahl gestellt werden, und doch muss entschieden werden, weil es das Kind ja nicht kann, sagt Astrid einmal.

Julia Jentsch („Sophie Scholl“) spielt Astrid. Sie ist eine Kabarettistin, die von ihrem Mann Markus (Bjarne Mädel) gemanagt wird. Ein modernes Haus am Stadtrand nimmt die kleine Familie samt neunjähriger Tochter auf. Die Oma (Johanna Gastdorf) hilft, eine Babysitterin ist da, und alles wirkt in diesen farbschwachen Bildern normal, die Kameramann Friede Clausz auch für eine TV-Serie am Vorabend gebrauchen könnte. Die Aufregung kommt von innen. Der Befund der Ärztin – Downsyndrom – wird im launigen Alltagsgeschehen einer Praxis vermittelt. Und Astrid flippt aus, weil sie die Fallhöhe zwischen dem „Alles-ist-gut“-Getue und dieser Nachricht nicht aushält. Mit diesem Moment beschreibt Anne Zohra Berrached, wie brüchig unsere Wohlfühlzonen sind. „24 Wochen“ ist aber kein Psychotrip. Das Paar will sein Kind. Und auf einer kleinen Gartenparty wird der Makel gleich mitgenannt. Einen Downie kennt doch jeder. Aber „Mongo“ darf man nicht mehr sagen.

Der Film ist stark, weil das Ringen um die Entscheidung immer in der Familie zentriert wird. Als die schlagfertige Astrid unter der Dusche nach dem Schwangerschaftsschwimmen erfährt, dass ihre Lage bereits im Radio öffentlich wird, geht sie zum Sender und dreht auf. Aber sie holt nichts mehr zurück.

Wem gehört ihr Bauch? Minutiös studiert „24 Wochen“, wie sich Markus – Bjarne Mädel als gefühliger Papi – verhält, was die Ärzte sagen, als die Löcher im Herzen des Jungen entdeckt werden. Und juristisch informiert dieser Film, dass in Deutschland die Abtreibung auch im sechsten Monat rechtens ist, wenn das Embryo schwer geschädigt ist. Es bleibt eine Frauensache, die keine großen Kinobilder braucht, weil es existenzieller nicht geht. Darauf setzt das junge Filmteam um Anne Zohra Berrached, die aus Erfurt stammt und Sozialpädagogik studiert hat. Sie hat bereits 2013 einen Nachwuchspreis auf der Berlinale für ihren Film „Zwei Mütter“ bekommen.

Julia Jentsch macht spürbar, dass der taffen Bühnenlady mit der großen Klappe und der Schwangerschaft („Ich bin verheiratet – das habe ich ausgenutzt.“) mehr Bedenken kommen. Einen Auftritt bei Dieter Nuhr („endlich mal ‘ne Frau“) bricht sie ab. Das Scheinwerferlicht schmerzt, weil es sie fast durchleuchtet. Später sieht sie Frühgeborene auf einer Intensivstation, spricht mit zwei Frauen, die um die vielen noch kommenden Operationen ihres Kindes wissen. Das Gespräch mit einer Hebamme ist berückend, klar, ja zärtlich. Selten erreicht eine Filmszene eine solche Gefühlstiefe, ohne rührselig zu sein.

Eine ethische Diskussion geht Anne Zohra Berrached nicht ein. Sie bleibt ganz bei ihrem Paar, macht Astrids seelische und körperliche Strapazen zum individuellen Handlungsdrama. Am Ende kommt die Mutter noch einmal zu Wort, sie ist wieder im Studio des Radiosenders...

Das Berlinale-Wochenende hatte insgesamt wenige Höhepunkte. Immerhin stellte Isabelle Huppert ihren neuen Film vor. Neben Emma Thompson („Jeder stirbt für sich allein”) und Tilda Swinton („Hail, Caesar”) zählt die Französin zu den wenigen großen europäischen Schauspielerinnen auf der 66. Berlinale. Wer ihre Filme kennt, weiß, wie agil und entschieden sie Figuren spielen kann. Als mordlustige Haushilfe auf dem Lande („Biester“, 1995), als neurotische Musikerin („Die Klavierspielerin“, 2001) oder als zickige Tante, die sich immer übergangen fühlt („8 Frauen“, 2002), ist sie unvergessen. Im Wettbewerbsfilm „L’Avenir“ (Was kommt) von Mia Hansen-Love (Frankreich) ist sie allerdings überraschend normal.

Huppert spielt die Philosophie-Lehrerin Nathalie, die ihren Job mit Hingabe ausfüllt, Lehrbücher veröffentlicht und sich um ihre kranke wie kapriziöse Mutter kümmert. Irgendwie hat sie alles im Griff, ihr Mann könnte etwas offener sein, die erwachsenen Kinder ein bisschen verständnisvoller, aber sogar die Demonstrationen in Paris gegen die Rentenreform können sie im Unterricht nicht stören. Madame rauscht herbei, sie ist die kultivierte Pädagogin und der Mittelpunkt des Films. Aber auch sie, das ist die einfache Botschaft, kann die Zeit nicht aufhalten, so sehr sie sich auch im Alltag bewährt. Der Film bleibt unaufgeregt, auch als ihr Mann von seiner Freundin erzählt. Das schmerzt wenig, weil Mia Hansen-Love (Drehbuch) den behäbigen Akademiker (André Marcon) als Musikliebhaber von Brahms und Schumann belächelt. Heinz, der Schopenhauer liest, ist einfach zu deutsch für Nathalies kluge sinnenfrohe Art. Das überladene Apartment, das Haus in der Bretagne, das ihm gehört, nüchtern statt melancholisch wird hier abgerechnet. Statt die Liebe zu problematisieren, muss die Verlassene mit der neuen Freiheit umgehen. Besuche bei einem Ex-Schüler, der Adorno liest und eine Kommune mit Freunden aus Deutschland führt, skizzieren letztlich Lebensstationen. Sind Unabhängigkeit und Freiheit noch zu erringen, wie 1968 geglaubt?

Der Film kurvt leicht, pragmatisch und nicht ohne Kitsch durch Nathalies Dasein. Das „savoir vivre“ ist würdevoll geerdet, ein Enkelkind kommt auf die Welt. Und Isabelle Huppert zeigt einen Frauentyp, der langsam aus seiner Zeit fällt. Dabei kann man ihr mit Vergnügen zuschauen, selbst wenn dieser Film bald vergessen ist.

Auch Lee Tamahoris neuseeländische Generationengeschichte „Mahana“ (Der Patriarch) ist nichts für den Kino-Olymp. Tamahori („Die letzte Kriegerin“, 1994) hat einige Jahre in Hollywood gearbeitet, wo seine Gewaltdarstellungen geschätzt wurden. In seinem Wettbewerbsfilm (außer Konkurrenz) blättert er im Historienbuch der Maori. 1957 scheren sie in Neuseeland die Schafe der weißen Züchter. Statt einig zu sein, wird die Rivalität der Maoris untereinander auch auf eine Gewalttat zurückgeführt, die zwei Familien spaltet. Dabei tritt Simeon (Akuhata Keefe) seinem Großvater (Temuera Morrision) klug und beharrlich entgegen. Die Tyrannen-Story ist vorhersehbar und nur deshalb interessant, weil das Verhältnis zu den mächtigen Schafzüchtern eigentlich das Leben der Maori knebelt.

Tamahori bleibt aber ganz im sozialen Milieu der Ureinwohner, die hier schicke Autos fahren und ihren Teil zur wichtigen Landwirtschaft des Inselstaates beitragen. Die Bilddramaturgie erinnert an die US-Erweckungswestern, einmal ist Glen Ford zu sehen. Die Aussöhnung der Familien geht am Ende doch ans Herz, weil es noch eine größere Kraft gibt, die gern im Kino mit mächtigen Bilder hochgehalten wird: die Liebe.

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