Berlinale: Interview mit Schauspielerin Julia Jentsch

Julia Jentsch (37), geboren in Berlin, war bereits 2005 auf der Berlinale erfolgreich. Sie gewann für die Titelrolle in Marc Rothemunds Widerstandstragödie „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ den Silbernen Bären. Es folgten der Deutsche Filmpreis und der Europäische Filmpreis.
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Julia Jentsch (37), geboren in Berlin, war bereits 2005 auf der Berlinale erfolgreich. Sie gewann für die Titelrolle in Marc Rothemunds Widerstandstragödie „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ den Silbernen Bären. Es folgten der Deutsche Filmpreis und der Europäische Filmpreis.

Berlin - Julia Jentsch hat auf der Berlinale gleich zwei Filme präsentiert. Neben dem Schwangerschaftsdrama „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached, das als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb um den goldenen Bären antritt, ist sie auch in Asli Özges „Auf einmal“ zu sehen. Der Film handelte vom mysteriösen Tod einer Frau.

Ein junger Mann wird durch Unterstellungen so belastet, dass er daraufhin selbst von seiner Freundin (Jentsch) gemieden wird. „Auf einmal“ ist in Altena gedreht worden und läuft in der Panorama-Sektion des Filmfestivals. Die gebürtige Berlinerin sprach mit Achim Lettmann.

Wie sind Sie zu Ihrer Rolle in dem Film „Auf einmal“ gekommen?

Julia Jentsch: Ich bin zu dem Casting gegangen. Simone Bär, die Berliner Casterin, hat das mit der Regisseurin Asli Özge gemacht. Das hat viel Spaß gemacht. Ich war von Asli so begeistert, von ihrer Energie. Ich kannte die Geschichte des Films nicht, aber die Art, wie Asli arbeitet, die gefiel mir, da wollte ich unbedingt dabei sein. Und als der Anruf kam, ja, du hast die Rolle, da habe ich mich riesig gefreut. Dabei wusste ich gar nicht, was denn die Rolle ist. Ich kannte nur zwei Szenen. Und das Drehbuch habe ich bis heute nicht bekommen, nur meine Szenen.

Sie haben in den letzten Jahren anspruchsvolle Fernsehfilme gedreht wie „Die Auserwählten“ mit Ulrich Tukur und Krimis mit der Figur des Kommissars Marthaler. Birgt die Berlinale für Sie die Chance, wieder mehr fürs Kino zu arbeiten?

Jentsch: Das kann man nicht so sagen. Ach, jetzt möchte ich mehr Fernsehen, ach, jetzt möchte ich mehr Kino, das habe ich ja nie gesagt. Es geht um Geschichten und Rollen, die an mich herangetragen werden. Da ist man als Schauspieler schon in einer großen Abhängigkeit. Es entsteht so, wie es sich ergibt. Das waren mal mehr Fernsehbücher und -rollen, und dann gibt es in einer anderen Zeit mehr Kinofilme. Ein Zufall.

Ich kenne keine deutsche Schauspielerin, die so unterschiedliche Rollen gut verkörpert wie Sie: die rebellische Studentin, die Widerstandskämpferin, die Literaturfigur Effi Briest, die Tochter eines Psychoanalytikers, eine Kommissarin, Lehrerin, Mutter, Kabarettistin – das ist ein unglaubliches Spektrum. Sind diese Figuren für Sie ein Abenteuer?

Jentsch: Definitiv. Die Figuren sind ein Abenteuer, die Arbeit sowieso, und die Möglichkeit sich in so unterschiedlichen Welten zu bewegen, das ist toll und das wünscht man sich. Ich habe natürlich Lust, an neuen Drehorten zu drehen, ein neues Berufsbild auszuprobieren, neue soziale Schichten zu erfahren. Ich glaube, das liebt jeder Schauspieler, diese neuen Herausforderungen, oder wie Sie so schön gesagt haben, neue Abenteuer.

Beide Regisseurinnen, mit denen Sie gearbeitet haben, favorisieren spezielle Methoden, um mit den Schauspielern authentische Momente vor der Kamera zu erzeugen. Wie sind Sie mit den Erwartungen der Regisseurinnen umgegangen?

Jentsch: Es ist natürlich erst mal ein Suchen und Finden, ein sich Kennenlernen. So wie jeder Schauspieler anders arbeitet, so tun das auch die Regisseure. Asli Özge arbeitet ganz stark mit dem Nicht-Wissen. Man erfährt nicht, was vor und nach der Szene passiert, die man gerade dreht. Und wo die Geschichte lang geht. Meine Arbeit war, mich dem hinzugeben und dem anzuvertrauen, wo sie hin will.

War Ihr Schauspiel in der Mutterrolle des Films „24 Wochen“ körperlicher?

Jentsch: Bei „24 Wochen“ war die Rolle viel größer. Und dadurch musste ich einen viel größeren Bogen spielen. Ich musste in der Rolle mehr Facetten zeigen. Vielleicht war das sogar das extremste Abenteuer, was ich bisher erlebt habe. Da war wirklich jeder Drehtag so anders. Und bei jedem Tag habe ich gefragt, welches Abenteuer passiert heute. Der eine Tag war ein Unterwasserdreh, dann in der Frühgeburtenstation eines Krankenhauses, dann beim Gynäkologen, dann auf der Kabarettbühne. Das war wie eine Adventure-Tour, heute erleben Sie das, morgen jenes. Das war extrem fordernd, aber schön fordernd. Es konnte nie der Momente entstehen, aha, jetzt bin ich angekommen.

Glauben Sie, dass für „24 Wochen“ Ihre Erfahrung als Mutter sehr wichtig war?

Jentsch: Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, das ist ein Thema und eine Geschichte, die genauso berührend ist für Frauen, die kein Kind haben. Das glaube ich schon. Meine Erfahrung als Mutter hat mir dabei geholfen, vieles zu spielen, was in der Geschichte gespielt werden musste.

In der Filmbranche wird in den letzten Jahren gefragt, haben wir zu wenig Regisseurinnen?

Jentsch: Wenn Sie mich das fragen: Ich treffe sehr viele Regisseurinnen. Ich bin mal gefragt worden, warum ich mit mehr Regisseurinnen gearbeitet habe. Ich habe mir da keine Gedanken drüber gemacht. Das hat sich so ergeben. Ich kann das aus meiner Perspektive nicht bestätigen, auch wenn ich weiß, dass das so ist.

Ihre Filmfiguren hier sind an einer authentischen Realität entwickelt. Auf der Berlinale gibt es den Kostümfilm wie „Hail, Caesar!“ mit George Clooney. Das Hollywood-Kino verdient viel Geld mit SciFi- und Fantasyformaten, Stichwort „Krieg der Sterne“. Würden Sie gern auch in diesem Bereich arbeiten?

Jentsch: Definitiv. Als ich hier im Eröffnungsfilm saß, war ich begeistert. Ich liebe sehr verschiedene Formen von Kino. Ich liebe Filme, die ganz reduziert mit einfachsten Mitteln uns Geschichten erleben lassen. Aber wenn ich dann in einem Film von den Coen-Brüdern sehe, was optisch, akustisch möglich ist, was mit dem Medium Film und mit viel Geld – offensichtlich –, was man da machen kann an Aufnahmen! Allein wenn ich an die Unterwasser-Ballettszenen denke. Und wenn der Wal um die tausend Frauen herumschwimmt, uuah. Oder diese Western-Stunt-Szenen, und die Matrosen, ich habe da große Freude, das ist ein großer Unterhaltungswert für mich.

Den Silbernen Bären haben Sie schon mal bekommen. Haben Sie eine Chance mit „24 Wochen“?

Jentsch: Keine Ahnung (lacht), ich weiß das nicht.

Sie waren lange Jahre Ensemble-Mitglied der Münchener Kammerspiele. Wollen Sie auch wieder Theater spielen?

Jentsch: Ich habe zweimal als Gast in Zürich gespielt. Im Moment gibt es kein Bühnenprojekt. Aber ich habe Sehnsucht. Und ich werde mich mal wieder auf den Weg machen und fragen.

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