Battistellis Handwerker-Sinfonie in Münster

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Musik in manchen Ohren ist der Klang der Messerschleifer, die bei Battistellis „Experimentum Mundi“ mitwirken.

MÜNSTER - Münsters Musikchef Fabrizio Ventura ist offen für Neues. Seinem Abo-Publikum serviert er mit dem Sinfonieorchester Münster, neben dem Standard-Programm, Besonderes wie 2015 Alexander Skrjabins „Promethée“ für Lichtorgel. Mit dem Festival „Klangzeit“ hält er ein Programm parat, das neue Musik vorstellt. 2016 präsentiert es unter dem Motto „Neue Heimat“ Klang-Ideen aus der Region.

Die „Sinfonia da Experimentum Mundi“ (1981) des italienischen Musiktheater-Komponisten Giorgio Battistelli öffnet den Heimatbegriff weit: Sein „Versuch der Welt“ umfasst den Klang der Alltagsdinge; er stellt Arbeiter neben klassische Musiker. Handwerker bringen die Geräusche ihrer Arbeit auf die Bühne. Battistelli experimentierte längere Zeit mit einer Orchesterversion. Die neueste hat Ventura mit seinen Musikern und 16 Handwerkern aus Münster im Großen Haus uraufgeführt.

Ein vierschrötiger Typ mit Baseballkappe greift sich Ziegelsteine, mörtelt sie zusammen. Eine Bäckerin mit Haube zerschlägt Eier und zerschnurpselt vor dem Mikrofon die Schale. Ambosse gibt’s zwar auch in der Oper (denke: „Rheingold“); hier stehen zwei Männer in Schürzen davor, deren Arme vom berufsmäßigen Hammerschwingen wuchtig geworden sind. Ein Küfer baut ein Fass, ein Steinmetz lässt sich mit seinem Meißel hören. In einer Generalpause geht das Licht aus, vier Schleifräder legen los: Funken sprühen von Messern. Ein Frauensprechchor wispert; wenn die Pauke dazu leise wirbelt, raunt das wie ein Auto auf einer belebten Straße. Das Orchester liefert: Liegetöne, schräge Geigenläufe, trommelnde Cellobögen. Bläserriffs. Es ist eher für atmosphärische Verdichtung zuständig. Rhythmus hält die Töne im Griff, gibt ihnen Form und Richtung.

Als „roter Faden“ dient ein Sprechpart, der Berufsmerkmale nennt. Hannes Demming, langjähriger Leiter der Niederdeutschen Bühne in Münster, hat die Texte ins Platt übertragen, eine interessante Idee. Das kraftvolle, herzhafte Niederdeutsch wirkt über Laute. Sprache und Bedeutung rücken ein Stück auseinander. Bedeutungsfetzen reißen sich los, etwa wenn Demming von „de Fass-dau-ben“ fast schon rappt. Wenn Laute so frei sind, ist die „Sinfonia“ am besten.

Die „Handwerker“-Sinfonie bietet eine klare Struktur, Klangmischungen wie in einem Orchester, Überraschungsmomente, auch Witz. Wenn der Instrumentenklang sich zusammenballt und in den Klang von Steinen mündet, die aus einem Eimer geschüttet werden, ergibt das eine reizvolle Fallhöhe: Musik, gekrönt durch Geräusch.

Die Kopplung mit Beethovens Pastorale in der ersten Konzerthälfte ist aber nicht passend, weil die Pastorale das bekannteste Beispiel für Programm-Musik ist. Vor dem inneren Auge vieler Zuhörer läuft dann automatisch ein ganzes Frühlingskino. Die „Handwerker“-Sinfonie ist keine Programm-Musik, sondern Theater mit den Mitteln der Partitur. Sie ist auch ein Gesamtkunstwerk, denn sie vereint Handgriffe der Arbeit: das lässige, geübte Greifen nach Ziegeln und das über Jahre einstudierte Bogenführen der Streicher.

Die „Sinfonia“ ist atmosphärisch, keinesfalls erzählend. Wenn jemand eine lineare Geschichte hören will, nach dem Motto: Schaufelschaben ergibt einen aufgeschütteten Sandberg, verpasst er den Gesamteindruck von Geschäftigkeit. Es geht um den Klang des Schaffens, den Sound der Dinge. Deshalb wäre es sinnvoll gewesen, die „Handwerker“-Sinfonie mit einem Werk des 20. Jahrhunderts zu koppeln. Es hätte ja nicht gleich der schrägste Cage sein müssen.

Der begeisterte Applaus in Münster hatte sicher etwas damit zu tun, dass die Handwerker Bekannte ins Konzert gezogen hatten; vor allem zeigte er, dass viele Zuhörer offen sind für Klänge, wenn sie sich nur eine Idee dazu machen können. Wenn die Musik sie im Bekannten abholt und dann etwas Kreatives anstellt.

Festival Klangzeit, bis 21.2.,

„Experimentum Mundi“ noch einmal am 14.2.

Tel. 0251/5909100

www.klangzeit-muenster.de

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