Barbara Klemm, Herlinde Koelbl, Isolde Ohlbaum in Münster

Von Angesicht zu Angesicht: Isolde Ohlbaum fotografiert die Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer 1991.

Von Achim Lettmann -  MÜNSTER Wer heute besonders cool sein will, fotografiert schwarzweiß. Es ist vielleicht ein Reflex auf die farbigen Möglichkeiten der Digitaltechnik. Die Frauen allerdings, die ihre Porträtbilder im Stadtmuseum Münster ausstellen, haben ihre Ausbildung in Schwarzweiß begonnen, als fotografische Qualität und Fotokunst so ausgedrückt wurden: Barbara Klemm, Herlinde Koelbl und Isolde Ohlbaum. „Literaten im Fokus“ heißt die Schau, die diese fotografischen Positionen präsentiert.

Über 100 Fotografien sind zu sehen. Erstmals werden die großen Damen der deutschen Porträtfotografie gemeinsam gezeigt. Das Thema Literatur eignet sich, um ihre Arbeitsweisen zu vergleichen und Unterschiede sichtbar zu machen. Unterstützt wird die Schau von der Friedrich-Hundt-Gesellschaft.

Barbara Rommé, Direktorin des Stadtmuseums, hat bei der Auswahl darauf geachtet, dass auch Bilder von Schriftstellern gehängt werden, die von zwei Fotografinnen abgelichtet wurden. Zum Beispiel traf die Fotojournalistin Barbara Klemm, 1939 in Münster geboren, Peter Handke in seinem Haus in Chaville. Sie blickte mit ihrer Kamera durch die Tür ins Schreibzimmer, fing mit ein paar Blättern Gartennatur ein und rahmte mit dieser Komposition den Literaten, der in den deutschen Feuilletons seinerzeit gefeiert wurde. Ihre Fotografie – vielleicht für den Literaturteil oder die Tiefdruckbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – dokumentiert allerdings auch, dass Handke das Fotoshooting in Paris 1991 etwas indigniert über sich ergehen ließ. Dagegen wirkt der Autor in den Aufnahmen von Herlinde Koelbl von 1998 geradezu gelöst. Neben dem Porträt ist Handkes kleiner Schreibtisch zu sehen, vor einem Fenster und in einem Raum ohne Bücher. Koelbl zeigt auch den Garten in Chaville, weil sich der Schriftsteller gern draußen aufhält, darin arbeitet.

In Münster nimmt Herlinde Koelbl, 1939 in Lindau geboren, einen besonderen Platz inmitten der Ausstellung ein. Sie ist die Projektkünstlerin, die zeitlich umrissen von 1996 bis 1998 Autoren besucht hat. Sie führte Gespräche, zeichnete sie auf und interessierte sich neben dem persönlichen Abbild auch für die Hand, sowie fürs Schreibgerät und den Ort des Schreibens selbst. Koelbl hatte für eine Buchpublikation gearbeitet und versuchte, dem Abstrakten des Schreibens mit einem visuellen Konzept mehr Profil zu geben. Literatur lässt sich so nicht erklären, aber das Bild vom Autor wird vielschichtiger. Beispielsweise belegt sie, dass Walter Kempowski bereits in den 1990er Jahren mit Scanner und Personalcomputer seine Materialmengen verarbeitete und strukturierte. Aktenordner stehen im Regal, keine Bücher.

Dagegen verlässt sich Isolde Ohlbaum, 1953 in Moosburg an der Isar geboren, ganz auf das klassische Porträt. Sie traf die Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer 1991 im Jahr ihrer höchsten Auszeichnung in Frankfurt. Es ist ein Porträt entstanden, das die Südafrikanerin in den Olymp der Weltliteratur hebt, ohne ihr Wesen, ihren Geist und ihre Sensibilität dem Pathos zu opfern. Ohlbaum ist die Porträtistin der literarischen Szene. 17 000 Bilder fasst ihr Archiv. Walter Kempowski zeigt sie mit seinem Bruder Robert, wie beide untergehakt vorm Haus Kreienhoop stehen. Die Brüder sind inniglich verbunden. Hinter ihnen ist die weite Landschaft zu sehen. Die Aufnahmen entstanden 1979 und 1993 im Dorf Nartum zwischen Bremen und Hamburg.

1981 hat Isolde Ohlbaum in Ost-Berlin Heiner Müller getroffen. Brille, Kopf und Zigarre wirken riesig, weil der Dramatiker ganz klein auf dem Sofa hockt. Die Ohlbaum zeigt mit ihren Porträts menschliche Wesenszüge. Vicco von Bülow (1993) ist mit Mops zu sehen, Michel Houellebecq (1999) noch nicht so hager wie heute, Umberto Eco sogar in Farbe.

Oft bleibt den Fotografinnen nicht viel Zeit. Die Journalistin Barbara Klemm rückt mit ihrer Aufnahme von Golo Mann, 1986 in Kilchberg, einen ungeduldigen Herren ins Licht, der vor seinem akkurat geordneten Schreibtisch sitzt und zum Mittagessen will. Der Bleistift wippt in seiner Hand, und die Klemm drückt auf den Auslöser.

Bis 24. Mai; di-fr 10 bis 18 Uhr, sa/so 11 bis 18 Uhr; Katalog

18 Euro; Tel. 0251/492 4503; www.stadtmuseum-muenster.de

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