Ausstellung „200 Jahre Westfalen.Jetzt“ widmet sich Heimat und Fremdsein

Nähmaterialien aus der Flüchtlingskiste, die Elfriede Anna Ottilie Thiel 1956/57 in der UdSSR zusammengestellt hatte.
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Nähmaterialien aus der Flüchtlingskiste, die Elfriede Anna Ottilie Thiel 1956/57 in der UdSSR zusammengestellt hatte.

DORTMUND - Zahlreiche Handys stapeln sich unter einer Plexiglashaube im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund. Es sind die „Dinge“, die Flüchtlinge mitgebracht haben, die seit September 2015 nach Dortmund kommen. Mehr nicht, denn Koffer und Kisten können die Asylsuchenden unserer Tage nicht schleppen. Ihre Flucht aus Syrien, Irak, Afghanistan oder Libyen ist lebensgefährlich. Sie lassen alles zurück.

Dass die Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt“ so aktuell ist, konnte bei der Planung der Schau nicht vorausgesehen werden. Gut ist aber, dass die Kuratorinnen Brigitte Buberl und Carina Berndt ein flexibles Konzept realisieren. Und mit dem dritten Schwerpunkt in Dortmund kann tatsächlich ein Kernthema westfälischer Geschichte bis in die Tagesereignisse hinein verfolgt werden. „Was uns bewegt – Gegensätze und Toleranz“ zeigt anhand von 200 Exponaten, was Heimat und Fremdsein ausmacht, wie sich Emigration und Immigration zeigen, was religiöse Vielfalt bedeutet, dass sich letztlich Kultur verändert und entwickelt.

Elfriede Anna Ottilie Thiel (1904–1988) kam beispielsweise mit einer Holzkiste aus dem polnischen Waldenburg 1956/57 nach Friedland. In Dortmund ist zu sehen, dass die Schlesierin Fotoalben, eine Uhr, ein Christusbild und ihre Nähsachen mitgebracht hatte, um letztendlich in Lünen ein neues Leben zu beginnen. Neben so intimen Einblicken macht die Ausstellung bewusst, dass religiöse Zugehörigkeit seit 1815 die Menschen in der neuen Region Westfalen beschäftigte. Denn mit der preußischen Verwaltung kamen Beamte protestantischen Glaubens an Rhein, Ruhr und Lippe. Evangelische Kirchen wurden errichtet. In Arnsberg entstand ein ganzer Verwaltungsbezirk. Bereits vor dem Kulturkampf im Deutschen Reich, mit dem der Einfluss der Kirche im Staat beschnitten wurde, standen sich die Konfessionen vor allem im Sauerland oft unversöhnlich gegenüber. Viele Katholiken wanderten sogar in die USA aus. Mary Ann Crede Klebba hatte 1988 acht US-Gemeinden besucht, die „Westphalia“ heißen und zwischen 1830 und 1850 gegründet wurden. Überliefert ist, dass Klebbas Vorfahren, die Familie Schroeder, mit einem Nikolaus Hesse in Missouri eine Gemeinde gegründet hatten. Hesse ging allerdings zwei Jahre später zurück, weil seine Frau an Heimweh litt. Er sollte in Herdringen (bei Arnsberg) als Verwalter arbeiten und ist als Schützenkönig in Brilon verzeichnet.

Wie unvermittelt Ansiedlung nach 1945 erfolgte, zeigt das Beispiel Espelkamp. Im Landkreis Lübbecke bezogen Vertriebene die Hallen einer Heeres-Munitionsanstalt. In einer offiziellen Verlautbarung lobt das Land NRW 1959 das Leben in der Gemeinde. Fotos dokumentieren die Anfänge. In den 70er Jahren kamen russische Spätaussiedler in die Retortenstadt.

Für „Was uns bewegt – Gegensätze und Toleranz“ ist das „2. Territorium“ in der Ausstellung abgebaut worden. Allerdings hält die Schau immer noch rund 30 Exponate für das Thema „Industrie und Mobilität“ im Ausstellungsbereich „Archiv“ bereit. Hier finden sich auch Beispiele für „Aufbruch in die Moderne“ (1. Territorium), das Museumsdirektorin Brigitte Buberl angesichts der Publikumsresonanz als besonders erfolgreich bezeichnete.

Als mächtiges Zeichen dominiert das Mescheder Sühnekreuz den erneuerten Ausstellungsteil. Das verwitterte und beschädigte Glaubenszeichen war 1947 bei Eversberg aufgestellt worden, wo zuvor 80 Leichen in einem Massengrab entdeckt worden waren. Der Fund geht auf Gräueltaten von SS-Leuten zurück. Über 200 sowjetischen Zwangsarbeiter und ukrainische Soldaten wurden nach Kriegsende im Arnsberger Wald erschossen. Den Ort für den Massenmord hatte der Sohn eines Dortmunder Industriellen erkundet. Das Sühnekreuz war von Unbekannten später abgesägt und im Wald vergraben worden. Schüler fanden es 1964. Erst seit 1985 wird das Kreuz in der Maria Himmelfahrtskirche in Meschede verwahrt.

Thematisiert ist auch das Straflager Stukenbrock-Senne, wo von 1941–45 russische Kriegsgefangene zum Teil in Erdlöchern hausen mussten. Dr. Hugo Lill hatte die Fotos geschossen, die das Medienzentrum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe aufgearbeitet hat.

Mit den Fotografien von Brigitte Kraemer wird seit 2005 die religiöse Vielfalt in Westfalen dokumentiert. Die Fotografin, gebürtig aus Hamm, belegt mit ihren stillen und stimmungsvollen Aufnahmen, dass Selbstbestimmung im Glauben ein erstes Zeichen von Heimat sein kann. 38 ihrer Aufnahmen finden Platz auf einer Fotowand.

Bis 28. Februar; di – so 10 – 17, do bis 20 Uhr, Sa 12 – 17 Uhr; in verkleinerter Form geht die Schau auf Reisen,u.a. Wadersloh, Museum Abtei Liesborn (1.5.–26.6.), und Lüdenscheid, Museum der Stadt (6.11.–7.1.2017),

Tel. 0231/50 255 22;

www.200jahrewestfalen.jetzt

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