Arbeiten des kanadischen Künstlers Jon Rafman im Westfälischen Kunstverein

Wohlfühlmoment unter krassen Bildern: Blick in die Ausstellung von Jon Rafman im Westfälischen Kunstverein.
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Wohlfühlmoment unter krassen Bildern: Blick in die Ausstellung von Jon Rafman im Westfälischen Kunstverein.

Münster  - Manche Menschen finden es erregend, sich als Plüschtiere zu verkleiden, zum Beispiel als Fuchs. Solch ein „Furry“ droht, in einem Sumpf zu versinken und strampelt verzweifelt. Der Betrachter dieses Videos liegt entspannt im Bällchenbad und schaut dem Überlebenskampf zu.

In Jon Rafmans Installation „Still Life (Betamale)“ (2015) überlagern sich die reale und die virtuelle Situation, Emotionen, die an den entgegengesetzten Polen der Gefühlsskala anzusiedeln sind, konkurrieren. Solche paradoxen Situationen machen den Reiz aus an der Arbeit des kanadischen Künstlers. Der Westfälische Kunstverein in Münster stellt nun in einer ersten Einzelausstellung in Deutschland Skulpturen und sieben Videoarbeiten vor.

Rafman, 1981 in Montreal geboren, setzt sich mit dem digitalen Kosmos auseinander. Pointiert reflektieren seine Arbeiten die Entfremdungsmomente, die dadurch entstehen, dass Menschen ihre geheimen Wünsche der ganzen Welt mitteilen. Sie müssen nur ein Video auf Youtube hochladen. Beunruhigend findet Kristina Scepanski, Direktorin des Kunstvereins, manche Arbeit. Rafman spürt den dunklen Seiten der Netzgesellschaft nach. Die Arbeit des Künstlers erregt in den letzten Jahren Aufsehen in Ausstellungen in New York, Moskau, Peking.

Rafman hat neben Kunst auch Literatur und Philosophie studiert, und er versteht seine Arbeit als die eines Flaneurs – nur eben nicht mehr in realen Räumen einer Metropole, sondern im Internet. Das meiste Material in seinen Videoinstallationen hat er in dieser virtuellen Wildnis gefunden und neu montiert. Seine Filmloops sind geprägt vom Staunen des Ethnographen, der neue Lebenswelten erkundet. Im zentralen Raum des Kunstvereins ist eine Art Freizeitzone in kühlblauem Kunstlicht, wo das Bällchenbad, eine Schaukel und ein Wasserbett zum Verweilen einladen. Es geht eben auch darum, neben den Pixelbildern den Körper direkt zu stimulieren. Auf dem Wasserbett liegt man so, dass der Kopf in einer Art Schrank steckt, unter dem Bildschirm. Während man auf der schwankenden Oberfläche ruht, sieht man das Video eines überfüllten Schwimmbads, bei dem eine Menschenmenge wie eine Meereswoge schwappt. So synchronisiert Rafman zwei Wahrnehmungen, Gefühl und Ansicht, und unterstreicht zugleich den Kontrast zwischen der Isoliertheit des Betrachters und der Enge der vielen Badenden im Film.

Hier braucht man starke Nerven. „Mainsqueeze“ (2015) läuft auf dem „Hug Sofa“. Der Betrachter ist umarmt von Polstern, während auf ihn die Bilder einstürmen. Ein Mann boxt wütend auf sein Notebook, bis die Tasten fliegen. Komasäufer liegen da, von Mitfeiernden angemalt oder mit dem Kopf im Urinal gefilmt. Ein kindliches Pärchen treibt es in einem japanischen Anime-Porno. Ein Bodybuilder zerquetscht zwischen seinen Beinen eine Wassermelone. Eine Frau erzählt von der Mühe mit ihrer pflegebedürftigen Mutter und streichelt einen Hummer – und zertritt dann das lebende Tier. Zwischengeschnitten ist eine Sequenz mit Details aus berühmten Gemälden mit Märtyrer- und Höllendarstellungen. In der obszönen Reihung von Gewalt und Erregung schwingt Trauer mit über die allgegenwärtige Überforderung des modernen Menschen, die das auslöst.

Ausgestellt ist auch eine Serie von Skulpturen, die wie eine Reihe von Porträtbüsten wirkt, „New Age Demanded“ (2014). Da bedient Rafmans Kunst noch einmal die museale Inszenierung. Aber was als kostbares Gold schimmert oder wie kruder Beton auftritt, sind ebenfalls Produkte des Rechners, 3D-Kopien.

Bei allem makabren Humor zeigt Rafman doch einen Grund-Pessimismus. In der neuesten Arbeit „Sticky Drama“ (2015) hat er erstmals mit realen Darstellern gedreht, mit Kindern in London. Er vereint hier Elemente aus Videospielen, Blockbuster-Kino wie „Mad Max“ und „Star Wars“ und kindlicher Lebenswelt. Ein Tamagotchi, ein heute fast vergessenes elektronisches Kinderspielzeug aus den 1990er Jahren, hat sich mit einem Virus infiziert. Ein Mädchen versucht, die in dem Wesen gespeicherten Erinnerungen und Datenschätze zu sichern, während zwei Banden draußen eine Schlacht mit Plastikgeschützen und Pappschwertern führen, bei der Blut in Strömen fließt. Und wieder spürt man unter der munter-verspielten Gewaltorgie die Wehmut und die Furcht vor dem Vergessen, davor, dass man sich vielleicht einmal nicht mehr erinnern kann, was wirkliche Gefühle waren, weil man soviel nachgemachte so einfach bekommt. Und an den Wänden des Schauraums klebt mehr von dem grünen Schleim, der im Video so reichlich fließt.

Bis 1. Mai, di – so 11 – 19 Uhr, Tel. 0251/ 46 157, www. westfaelischer-kunstverein.de

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