Anders Lustgartens Stück „Lamepdusa“

Am Strand in Bochum: Raiko Küster als Stefano in Anders Lustgartens Stück „Lampedusa“.
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Am Strand in Bochum: Raiko Küster als Stefano in Anders Lustgartens Stück „Lampedusa“.

Bochum - Was der Fischer Stefano von seiner Arbeit erzählt, soll dem Zuhörer das Herz brechen. Zu schmerzlich sind die Details von den Wasserleichen, die er statt der Fische aus dem Mittelmeer zieht. Wie ihr Fleisch vom Wasser in eine ölige Masse verwandelt wird. Wie Augen von Fischen ausgefressen werden. Und dass die meisten Opfer Frauen und Kinder sind. Man muss schon ein beinharter AfDler sein, um von Stefanos Erschütterung nicht angefasst zu werden.

Stefano ist eine Figur in „Lampedusa“, einem Stück des viel gelobten britischen Dramatikers Anders Lustgarten, das am Schauspielhaus Bochum seine deutschsprachige Erstaufführung erlebt. Stefano steht im orangenen Overall auf der Bühne der Kammerspiele. Ein Berg von Altkleidern bildet eine Insel im Wasser, das die Bühne bedeckt. Ausstatterin Dorothea Lütke Wöstmann bringt symbolisch das Mittelmeer ans Schauspielhaus. Ein starkes Bild in der Inszenierung des Dramaturgen Olaf Kröck, der übergangsweise die Bühne leiten wird, nach dem Abgang von Intendant Anselm Weber nach Frankfurt 2017, bis zum Amtsantritt von Johan Simons 2018.

In „Lampedusa“ verhandelt Lustgarten gleich die zwei wichtigsten aktuellen Probleme Europas: die Flüchtlingskrise und die Verarmung vieler Bevölkerungsschichten. Auf der Bühne stehen zwei Menschen, neben dem italienischen Fischer Stefano noch Denise. Die Britin mit einem chinesischen Elternteil arbeitet als Eintreiberin, die überschuldeten Kreditnehmern Druck machen soll. Berührungspunkte haben die beiden nicht, jeder spricht seinen Text monologisch, abwechselnd Abschnitt um Abschnitt. Es gibt Parallelisierungen, zum Beispiel dass sie sich in bestimmten Momenten schuldig fühlen. Dann sieht Stefano an jeder Wasserleiche das Gesicht eines befreundeten Flüchtlings. Und für Denise hat die verschuldete alte Dame das Gesicht ihrer Mutter. Lustgarten schrieb ein Gutmenschenstück, das mit sympathischer Wut Partei ergreift, wie schon lange kein Dramatiker mehr seit Dario Fo. Denise und Stefano vertreten die richtigen Werte: dass man den Afrikanern auf den Booten helfen soll, dass man besitzlosen Opfern des Kapitalismus nicht die letzten Habseligkeiten abnehmen darf.

In Bochum geben Raiko Küster und Juliane Fisch den Sprachrohren des Autors so suggestive wie eindringliche Gestalt. Wie Küster die waghalsige Rettung von Animata, der Freundin seines Freundes Modibo, aus dem Sturm schildert, das lässt Zuschauer mitfiebern, nicht nur, weil Fisch plakativ mit einem Altkleiderstück aufs Wasser schlägt. Und wie Fisch als Denise von der Scham spricht, als ihre neue Freundin die verwahrloste Wohnung ihrer Mutter sieht, geht das einem empfänglichen Publikum sehr nah. In Kröcks Inszenierung geben die Darsteller den Figuren größtmögliche Wärme, zeichnen Charaktere mit großem Identifikationswert.

Das ändert nichts am zentralen Problem des Abends. Zwei Monologe ergeben kein Drama, auch wenn Kröck zwischendurch die beiden zusammenbringt, und sie dann andeutungsweise Teil der Erzählung des anderen werden. Dass sie sich einmal küssen, ist ein zärtlicher Moment, aber es ergibt keinen Sinn im Ablauf des Textes.

Starker Beifall, verständlich, weil die Produktion die gute Seite vertritt. Aber man fühlt sich dabei wie in einem Kirchentagsgottesdienst. Und man ahnt, dass draußen vor dem Theater das gute Herz allein nicht weiterhilft.

24.3., 1., 10., 30.4.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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