„American Pop Art“ aus der Sammlung Beck in der Ludwiggalerie Oberhausen

Pop-Art mit Rembrandt: Die „Dutch Masters Cigar Box“(1970) von Larry Rivers.
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Pop-Art mit Rembrandt: Die „Dutch Masters Cigar Box“(1970) von Larry Rivers.

OBERHAUSEN - Ein Schlag ins Gesicht. Die Faust stößt machtvoll empor. Und der Schläger wünscht seinem Opfer in der Sprechblase süße Träume. Roy Lichtensteins Comic-Bild „Sweet Dreams Baby!“ (1965) gehört zu den Ikonen der Pop-Art. Zu sehen ist das Werk als Siebdruck in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen.

Und mit ihm viele weitere Top-Hits der Pop-Art, moderne Ikonen wie Andy Warhols „Marilyn“ und seine Suppendose, „Campbell Tomato Soup“, Robert Indianas quadratisches Schrift-Bild „Love“ gleich in zwei Fassungen, eine in schwarz-rot-gold als „German Love“, ein „Fuß“ (1968) von Tom Wesselmann und die nackten Reklamemädchen von Mel Ramos. Sie alle finden Platz in der Ausstellung „American Pop Art“, und vieles mehr.

Das Haus arbeitet für die Schau mit dem Ludwig-Hacks-Museum in Ludwigshafen zusammen, das die Sammlung Heinz Beck besitzt. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt (1923–1988) war besessen von moderner Kunst, hatte aber nicht die Mittel, Gemälde oder Skulpturen zu erwerben. Darum konzentrierte er sich auf Multiples, Auflagewerke und Druckgrafik. Keins der Werke in seiner Kollektion kostete mehr als 3000 Mark. So trug er mit relativ schmalem Kapitaleinsatz den Bilderschatz von 2600 Werken zusammen. Er hat die Bilder zuerst der Stadt Hilden schenken wollen, in der er aufgewachsen war. Die Politiker dort waren aber nicht bereit, das nötige Kapital für die Betreuung und Präsentation der Sammlung aufzubringen. So landete sie in Süddeutschland.

Aus diesem Riesenfundus wählte die Oberhausener Museumsdirektorin Christine Vogt rund 140 Arbeiten aus. Sie konzentrierte sich auf Werke amerikanischer Künstler, sozusagen aus dem Mutterland der Pop-Art. Es erstaune sie, berichtet die Kuratorin, in welcher Dichte Beck gesammelt hat. „Praktisch keiner der wichtigen Künstler fehlt.“ Die großen Namen sind alle da, repräsentiert oft durch ganze Werkgruppen. Wie Andy Warhol die Waren zu Kunst erhob, wie Roy Lichtenstein die Bildwelt der Comics museal machte, das ist hier an ihren zentralen Arbeiten zu studieren.

Aber die Ausstellung geht weit über die Stars hinaus und präsentiert eben auch Werke von Künstlern, die heute nicht so prominent sind. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den 1960er Jahren, einer Zeit des politischen Aufbruchs, und die Schau besticht durch Witz, Kreativität und politische Schärfe. Die Künstler nahmen sich neue Freiheiten heraus, sie bedienten sich nicht nur in der Kunstgeschichte, sondern auch bei Werbung und Medien. Und so sieht man eben auch Pop-Stars, aber ungewohnt. Richard Bernstein porträtierte 1969 die Beatles nackt, wie antike Statuen, und unterlegte dem Blatt ein regenbogenartiges Farbmuster. Larry Rivers schuf aus Pappe die „Dutch Masters Cigar Box“ (1970), und er wendete den Doppelsinn der „Holländischen Meister“ um. Wo der Fabrikant seinen Zigarren mit einem Rembrandt-Motiv das Siegel jahrhundertealter Tradition und Qualität verpasste, da machte Rivers aus der banalisierten Ware durch Wiederholung wieder Kunst. Alain Jacquet interpretierte 1965 den „Raub der Europa“ neu, indem er die schöne Nackte nicht mit einem Stier zeigt, sondern mit einem rasanten Sportwagen.

Lowell Blair Nesbitt fing in seinen Drucken den Fortschrittsoptimismus der Epoche ein. Er schuf eine Serie mit Raumfahrtmotiven, zum Beispiel Astronauten im Raumanzug. Gedruckt wurde auf Polyester, und die Bilder spiegeln so in metallischem Glanz. Die Mondlandung griff 1970 auch Robert Rauschenberg auf. Sein Blatt „Signs“ allerdings wirkt deutlich skeptischer, der Astronaut findet sich in einer Collage mit den politischen Mordopfern John F. Kennedy und Martin Luther King, und eine wütende (zu dem Zeitpunkt auch schon tote) Janis Joplin singt mit einem Jeep voller Militärs im Rücken.

Die Künstler waren politisch wach. Jasper Johns schuf 1970 eine Grafik für den ersten „Earth Day“. Damit reagierte die Politik auf eine katastrophale Ölpest 1969 vor der Küste Süd-Kaliforniens. Der Vietnam-Krieg inspirierte eine Kollektiv-Arbeit der Art Workers Coalition (1969). Schon das Foto, das sie verwendeten, hatte die US-Öffentlichkeit schockiert. Ronald L. Haeberle, offizieller Kriegsfotograf, hatte die Aufnahme ziviler Opfer des Massakers von My Lai den Medien zugespielt. In der Grafik steht der Schriftzug „Q: And Babies? A: And Babies!“, also Frage und Antwort, dass selbst Babys von US-Soldaten getötet wurden. Das Motiv wurde auf Anti-Kriegs-Demos gezeigt.

Die Pop-Art erweist sich in der Schau als überraschend vielseitig, man dachte seinerzeit nicht so sehr in Schubladen. So wurden auch die fotorealistischen Bilder von Richard Estes („Cafeteria“, 1970) akzeptiert. Und neben der schnell skizzierten „Nase“ von Claes Oldenburg sieht man auch die Skizze zu einem Happening des Fluxus-Künstlers Allan Kaprow, der aus Sägespänen einen Balken formen ließ, der wieder zersägt wurde („Sawdust“, 1970). Sogar verhüllte Objekte von Christo sind zu sehen. Und man sieht Werke von hierzulande praktisch unbekannten Künstlern, zum Beispiel die Offset-Lithografie eines Paars von Eila Hershon (1970) und die geometrischen Abstraktionen von Allan d‘Arcangelo.

Eröffnung sa, 19 Uhr, 24.1.–16.5., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0208/ 41 24 928,

www.ludwiggalerie.de

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