Alan Ayckbourns Stück „Familiengeschäfte“ in Bochum

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Schwerstarbeit für Jack (Michael Schütz), der den Eindringling (Torsten Flassig) würgt. Die Familie (Heiko Raulin, von links, Juliane Fisch, Friederike Becht, Florian Lange, Bettina Engelhardt, Damir Avdic) schaut in der Bochumer Inszenierung zu.

BOCHUM Jetzt hat sich Jack das Hemd aufgeknöpft, er ist entschlossen. „Hier kommen die Wikinger“, ruft er seiner Frau Poppy zu und läuft die Treppe wieder runter. Der letzte Tag bei einer Tiefkühlfirma liegt hinter ihm und Poppy vor ihm, aber die adrette Dame des Hauses weiß um die Gäste, die sich für die Überraschungsparty versteckt halten, und wahrt Distanz. Bis Jack („Der haarige Erik mit seinem harten Knüppel“) die Situation kapiert, ist das Publikum im Schauspielhaus Bochum schon angefixt. Das wird ‘ne Überraschung!

Stückeschreiber Alan Ayckbourn weiß, welche komödiantische Stimmungsmache das Boulevardtheater profiliert. Und der Brite, der wohl der meistgespielte Autor der Welt ist, schickt seinen Hauptdarsteller in den Kreis der Familie – in Bochum ist er halbnackt.

Was diesem Mann in den besten Jahren noch passiert, davon handelt das Stück „Familiengeschäfte“. Denn Jack soll das Möbelunternehmen sanieren, das Patriarch Ken nicht mehr im Griff hat. Klaus Weiss stellt den dementen Herrn freundlich verpeilt vor die Familie. Tags drauf weiht er den Schwiegersohn ein, dass die Möbelfirma ausspioniert wird und das Haus sicherlich verwanzt ist. Na ja, Jacks Arbeit beginnt.

Regisseur Marius van Mayenburg hat Ayckbourn neu übersetzt, schreibt selbst Stücke („Perplex“, „Märtyrer“) und inszeniert unter anderem Shakespeare. Er hat die Vorlage in Bochum gewissenhaft umgesetzt und eben keine Farce über die Rampe geschickt – ihm geht es um Zwischentöne. Jack findet keinen Draht zu seiner Tochter Sandy, seine Frau beklagt gar die Ehrlichkeit ihres Mannes, Poppys Bruder Desmond und seine Frau Harriet sind voneinander abgewandt wie neurotisch. Warum? Solche Irritationen werden erstmal mit dem guten Rollenspiel beantwortet. Juliane Fisch (Sandy) muckst als Teenager altersgerecht rum, will Koks als Partyaufheller und klaut Shampoo. Bettina Engelhardt (Poppy) schwebt als Gesellschaftslady durchs Haus und weiß etwas vom Big Buisness. Florian Lange (Desmond) gibt den Firmensohn als manisch verklemmten Hobbykoch, der mit gelben Gummihandschuhen Rezepte sucht. Therese Dörr (Harriet) ist seine haltlose Ehefrau, die breitbeinig im Weg sitzt, raucht, heult und den Schoßhund samt Körbchen zwischen ihren Schenkeln wiegt. Bedauernswert und skurril, selbst wenn Florian Lange die Sahne aus dem Hochdruckspender in seinem Gesicht aufschäumt. Slapstick!

Das Figurentableau ist voller Überraschungen. Privatdetektiv Hough, den Jack engagiert hat, um die Rätsel des Unternehmens zu lüften, ist ein perfider Eindringling, den Torsten Lassig als Psychopathen anlegt. Er trägt Perlonstrümpfe, erpresst den Hausherren mit Firmenwissen und rückt Mutter wie Tochter notgeil auf die Pelle. Dass dieser Kerl beseitigt werden muss, wird auch Jack klar, der eigentlich zu Leistung und Anstand aufgerufen hatte und nun mit Schmiergeld operiert. Die Mafia ist dabei, italienisches Design, bambini, cantare, amore – man kennt das. Es kommt noch schlimmer.

Die Musik von Matthias Grübel forciert mal das Chaos, wenn Jack zur Aussprache bittet („Es werden Köpfe rollen“), aber nur mit Ketchup auf die Schuldigen zielt. Einige atonale Intros machen aufmerksam, lüften aber keine Rätsel. Denn Alan Ayckbourn analysiert die Unmoral nicht, wie die moderne Familientragödie, sein Theater ist mehr Unterhaltung statt Drama. Es gibt keine Leichen im Keller, kein Inzestfanal, die Familie ist einfach korrupt, geldgierig und selbstvergessen. Knisternd stellt Minna Wündrich ihre Gefallsucht als Anita in engem Latex aus. Ihr Mann Cliff, Jacks Bruder (Heiko Raulin), steht mehr auf Porsche 944. Und Roy – Damir Avdic versimpelt ihn zum Strippenzieher – gefällt seiner Frau, Jacks ältester Tochter (Friederike Becht), weil er kriminell endlich an Männlichkeit gewinnt.

Diese Figuren bringt Regisseur von Mayenburg auf Kosten einiger Längen zusammen. Aber selbst Michael Schütz, der den Jack souverän, kraftvoll und gewissenhaft spielt, kann nicht plausibel machen, dass er skrupellos wird. Bei Ayckbourn hätte er es nicht gebraucht.

Nina Wetzels zweigeschossiges Bühnenhaus dreht sich um etwas Unausgesprochenes. Private Räume der Familienangehörigen werden in der absichtsvollen Offenheit egalisiert, und am Ende geht Sandy ums Gebäude, das sich voll bittersüßer Melancholie wieder dreht und sich irgendwie abwendet.

Das Schauspiel

Slapstick, Situationskomik, Trash und Splatter, aber Ayckbourns Komödie wird in Bochum auch zum Gedankenspiel.

Familiengeschäfte im Schauspielhaus Bochum

7., 9., 12., 18. 2.; 2., 18., 19., 27. 3.; Tel. 0234/3333 5555

www.schauspielhausbochum.de

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