Adam Zamoyski über den Wiener Kongress

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Napoleon im Krönungsornat: Seine Rückkehr 1815 zwang den Wiener Kongress zur Einigung.

Von Jörn Funke Es war eine rauschende Ballnacht. Für die Herren war Galauniform mit sämtlichen Orden vorgeschrieben, für die Damen Diademe. „Der Anblick war atemberaubend“, notierte eine Teilnehmerin. Es sei so hell gewesen „als ob mehrere Sonnen gleichzeitig schienen.“ In jenem Glanz sonnten sich vor 200 Jahren in Wien zwei Kaiser, mehrere Könige und eine ungezählte Zahl an Fürsten, Generälen und Diplomaten. In wenigen Fällen waren die Ehefrauen zugegen, in vielen dagegen die Geliebten. Der britisch-polnische Historiker Adam Zamoyski schildert den Kongress in einem bemerkenswerten Buch.

„1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“ heißt die Darstellung, in Anknüpfung an das Vorgängerwerk „1812“. Darin hatte Zamoyski Napoleons Russlandfeldzug geschildert; jetzt schließt er dort an. Der Kaiser der Franzosen ließ sein besiegtes Heer im russischen Schnee zurück und traf am 18. Dezember 1812 inkognito in Paris ein. Er widmete sich eine Nacht lang seiner Gattin Marie Louise und begann sogleich, ein neues Heer aufzustellen. Zamoyski schildert, wie die antinapoleonische Koalition aus Russland, Preußen, Österreich und Großbritannien zusammenwuchs, den Franzosenkaiser im April 1814 zur Abdankung zwang. Die Neuordnung Europas sollte ein Kongress beschließen, den Österreichs Staatskanzler Clemens von Metternich nach Wien einberief. Dort waren die noblen Ziele schnell vergessen. Es ging um handfeste Interessen. Russlands Zar Alexander I. hatte Polen erobert und wollte es behalten, Preußen und Österreich forderten ihre polnischen Ländereien zurück, und Großbritannien versuchte, Frankreich die Scheldemündung zu entreißen.

Zamoyskis lebendige Darstellung lebt vom Gegensatz zwischen zäher Machtpolitik und gesellschaftlichem Beiwerk. Metternich hatte im Vorfeld über die Wiener Polizei ein umfangreiches Spitzelnetzwerk aufbauen lassen. Ihm selbst halfen die so zusammengetragenen Erkenntnisse wenig, für heutige Historiker sind sie dagegen umso spannender.

Vielen Delegationen ging schlicht das Geld aus, als der Kongress die geplanten vier Wochen überschritt. Metternich selbst war durch seine Affäre mit Herzogin Wilhelmine von Sagan abgelenkt. Als Napoleon, durch die Uneinigkeit der Alliierten ermutigt, auf den Kontinent zurückkehrte, gelangten die Großmächte endlich zu einer Einigung.

Zamoyski interpretiert das Vermächtnis zwiespältig. Es war einer der ersten großen Versuche, eine dauerhafte Friedensordnung per Konferenz zu fassen. Und dem besiegten Frankreich wurde ein Platz am Tisch gelassen. Ausgerichtet war der Kongress auf die Wiedererrichtung der Welt vor der Französischen Revolution – was nicht gut gehen konnte, wie Zamoyski feststellt. Deutschland, Italien und Polen sahen sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Nationen, was die Diplomaten durchaus hätten erkennen können. Sie hielten sich dagegen strikt an eine Welt von gestern. Großbritannien beharrte aus Furcht vor einer französischen Invasion darauf, die Scheldemündung den Niederlanden zuzuschlagen, schreibt der Autor. Schon 1830 war dies mit der Abspaltung Belgiens passé. Die Briten würden für die Verteidigung dieses Landes zweimal in einen ungleich grausameren Krieg ziehen. Zamoyski holt zuweilen sehr weit aus, aber er liegt nicht vollständig falsch.

Adam Zamoyski: 1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongress. C. H. Beck, München 2014. 704 S., 29,95 Euro.

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