J. J. Abrams und Doug Dorst zelebrieren „S. – Das Schiff des Theseus“

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Das alles gehört zum Buch „S. – Das Schiff des Theseus“: Ein künstlich gealterter Roman, Randnotizen und Beilagen.

Von Ralf Stiftel Das Buch hat eine Leinenstruktur. Das Papier der Seiten ist vergilbt, mit Stockflecken ab und zu, und vorn prangt ein Bibliotheksstempel der Laguna Verde Library. Der Roman „Das Schiff des Theseus“ von V. M. Straka soll nach einem heftig benutzten Buch aus lang vergangnen Tagen aussehen. Nach einem Fundstück.

Und mehr noch: Das Buch steckt voller Randnotizen in zwei Handschriften und verschiedenfarbigen Tinten, und manchmal findet man Dinge, die ein Vorleser zurückgelassen haben könnte. Ein Foto. Eine Postkarte. Einen mehrseitigen Brief und eine Lageskizze, die auf eine Serviette gekritzelt wurde, und einen Zeitungsausriss. Dieses Buch spielt mit dem Leser. All diese Details bis hin zum Aufkleber auf dem Buchrücken sind Täuschung, ausgedacht vom Filmregisseur J. J. Abrams und dem Schriftsteller Doug Dorst für ein einzigartiges Projekt. In „S. – Das Schiff des Theseus“ erlebt man das gedruckte Buch als unkopierbares Einzelstück. Der Leser darf sich als zufälliger Entdecker einer geheimen Geschichte fühlen. Denn „Das Schiff des Theseus“ ist mehr als nur ein alter Roman.

Hier hat man mindestens zwei Handlungsstränge, erzählt im ausgetüftelten Wechselspiel zwischen gedrucktem Text und den Eintragungen. Dieses Buch ist als E-Book völlig sinnlos. Man muss es in Händen halten, den Unterschied fühlen zwischen einem Fotoabzug und dem weichen Serviettenpapier. Man darf sich den Fantasien hingeben, die diese Inszenierung auslöst, klugerweise ohne alle Rätsel zu entschlüsseln.

Man merkt, dass Abrams Erfahrung mit komplexen Geschichten hat. Der Mann ist vor allem berühmt als Regisseur von Blockbuster-Filmen wie der aktuellen Episode von „Star Wars“, mehreren Folgen von „Star Trek“ und TV-Serien wie „Lost“. Hier hat er etwas geschaffen, was in kein anderes Medium übertragbar ist. Die eigentliche Erzählung, die Umsetzung überließ Abrams dann seinem Mitstreiter Dorst. Das Projekt verlangt dem Verlag höchsten Aufwand ab, weil das haptische Moment so sehr entscheidet, um die Illusion abzurunden, dass man eben kein Massenprodukt in Händen hält, sondern ein Einzelstück. Es ist wie ein Rollenspiel: Das gefundene Buch zieht den Leser wie einen Voyeur in eine rätselvolle und packende Geschichte.

Und hier muss man sich entscheiden, was anfangs nicht so leicht ist. Folgt man eher der Erzählung jenes erfundenen V. M. Straka, die von einem gewissen F. X. Caldeira übersetzt und mit Fußnoten versehen wurde? Schon auf der Ebene des klassisch gedruckten Textes bietet „Das Schiff des Theseus“ einen raffinierten Dialog an. Denn Caldeira behauptet im Vorwort, den unvollendeten Roman fertiggestellt zu haben. Und verbindet das mit einer Räuberpistole, in der Straka mystifiziert und in eine Mordgeschichte montiert wird. Und die Fußnoten beziehen sich oft weniger auf den Text als auf die besondere Vertrautheit Calderas mit dem geheimnisumwitterten Autor, dessen wahre Identität angeblich niemand kennt.

Es folgt eine Abenteuergeschichte um den ahnungslosen Helden S., der sein Gedächtnis verloren hat und in immer neue Gefahren verstrickt wird, mal auf ein Schiff voller stummer Matrosen verschleppt, mal in eine Stadt verschlagen, wo eine Revolution gegen einen Großkonzern tobt. Es wimmelt von Agenten und seltsamen Verbündeten. Manchmal wird auf historische Ereignisse angespielt wie das Attentat von Sarajevo, das den Ersten Weltkrieg auslöste. Und es passiert immer etwas Unvorhersehbares. Das liest sich wie ein Genre-Mix aus Kafka, Karl May und Jules Verne. Kafka lieferte auch sicher einige Rollenvorbilder, und Prag ist ein wichtiger Ort in diesem Roman. Aber auch ein Autor wie B. Traven diente gewiss als Inspiration für den Bestseller-Schreiber, dessen wahres Ich keiner kennt.

Diese wilde Fahrt über Meer und Gebirge wird nun umspielt von den Kritzeleien zweier Studenten. Eric Husch, gescheiterter Doktorand, hat offenbar Rätsel gelöst, die sein Doktorvater für sich reklamieren will. Und Jennifer Heyward wird zu einer Verbündeten. Abrams und Dost geben sich einige Mühe, zu begründen, warum das Paar, das sich auch menschlich schnell näher kommt, nicht einfach mailt, telefoniert oder sich in der Kneipe austauscht. Es erscheint schon ziemlich unpraktisch, nach jeder Notiz das Buch in der Bibliothek zu verstecken und auf Antwort zu warten. Aber lässt man das beiseite, ist es reizvoll, den parallel laufenden Dialog der beiden zu verfolgen, der sich nicht nur um die Interpretation von Strakas Text und Caldeiras Anmerkungen dreht, und auch nicht nur darum, dass Jen „niedlich schnarcht“, wie Eric notiert. Es gibt auch noch reichlich Verschwörungstheorien um Professor Moody und seine hinterlistige Hilfskraft Ilsa, um unsichtbare Verfolger in der wirklichen Welt, die vielleicht sogar Brände legen. Irgendwie soll verhindert werden, dass Eric und Jen hinter Strakas Geheimnisse kommen.

Das ist mit großer Liebe ausgearbeitet – bis hin zu unterschiedlichen Tintenfarben für Randnotizen, die zu unterschiedlichen Zeiten verfasst wurden. Immer wieder gibt es Stellen, an denen sich der gedruckte und der „handschriftliche“ Text reiben. Und für abenteuerlustige Leser, die ein wenig Spiel am Entschlüsseln und am philologischen Detektivspiel haben, bietet dieses Buch ein unvergleichliches Vergnügen – ungeachtet aller logischen und dramaturgischen Schwächen.

J.J. Abrams/Doug Dost: S. – Das Schiff des Theseus. Deutsch von Tobias Schnettler und Bert Schröder. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 522 S., 45 Euro

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