„2099“: Bei Dortmunder Premiere stirbt kein Tier

Mahner aus der Zukunft: Szene aus „2099“ in Dortmund mit Uwe Schmieder (links) und Christoph Jöde.
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Mahner aus der Zukunft: Szene aus „2099“ in Dortmund mit Uwe Schmieder (links) und Christoph Jöde.

DORTMUND - Die Tierschützer können sich wieder abregen. Raja, das Jaguarbaby im Dortmunder Zoo, ist wohlauf. Die beiden entführten Zwergseidenaffen wurden auch nicht auf der Bühne des Dortmunder Schauspiels vorgeführt.

Die Provokation des Berliner „Zentrums für politische Schönheit“ mochte noch so durchschaubar sein. Aber sie funktionierte. Die Medien der Republik schauten auf das Theater im Ruhrgebiet. Weil (vielleicht) ein Tier in Gefahr schwebte. Weil die Aktivisten angekündigt hatten, nach der Vorstellung zum Zoo ziehen und dort Raja erschießen zu wollen.

Das Künstlerkollektiv, 2008 gegründet vom Theatermacher und Philosophen Philipp Ruch, ist mit spektakulären Aktionen bekannt geworden. So überführte es im Juni die Gebeine von Flüchtlingen, die an den EU-Außengrenzen gestorben waren, nach Berlin – mit internationalem Medienecho. In Dortmund zeigt das Zentrum seine erste Bühnenproduktion: „2099“, ein Stück über vier Philosophen aus der Zukunft, die vor Katastrophen warnen und die Menschen auffordern, etwas zu tun, um die kommenden Schrecken zu verhindern.

Offensichtlich traut man den Berlinern einiges zu. Im Zoo war man alarmiert, die Polizei stand bereit. Schauspielintendant Kay Voges distanzierte sich in einer Pressemitteilung. Das Zentrum hatte sich noch des (tatsächlich erfolgten) Diebstahls von Zwergäffchen bezichtigt. Ob das stimmt? Aber es drehte die Empörungsschraube noch ein Stück weiter.

Ist man klammheimlich enttäuscht, wenn die vermeintlichen Tiermörder sich gar nicht erst auf den Weg machen? Es gab eine eigentlich recht normale Schauspielpremiere. Auch wenn sich alle zuerst vor dem Haus versammelten und Uwe Schmieder zuhörten, der vom Dach über ein Megaphon Warnungen vor nahenden Kriegen schrie und Flugblätter abwarf. Dann ging man hinein auf seinen Platz und sah eine weitgehend leere Bühne (Ausstattung: Christoph Ernst), auf der vier Schauspieler in Anzügen, mit geschwärzten Gesichtern, die Boten aus der Zukunft verkörperten.

Im Grunde hatte das Zentrum da schon seine Mission erfüllt. Entlarvt war die verlogene Doppelmoral einer bürgerlichen Gesellschaft, die schon die Drohung gegen ein niedliches Tierbaby auf die Barrikaden bringt, aber die ein Massensterben von Menschen in Bürgerkriegsgebieten vergleichsweise kalt lässt.

Das Stück liefert dazu einen Überbau. Es ist eine Mischung aus Predigt und politischem Appell. Die vier Darsteller (Björn Gabriel, Christoph Jöde, Sebastian Kuschmann, Uwe Schmieder) starten mit einem Gedankenspiel: Was wäre, wenn man per Zeitreise Hitler und den Holocaust hätte verhindern können? Dann versuchen sie, das Publikum auf einen militanten Humanismus zu verpflichten. Das wirkt mal mehr, wenn zum Beispiel Gabriel eine ältere Dame aus dem Publikum auffordert, eine bestimmte schädliche Handlung zu verhindern, die in zwei Jahren gegen US-Präsidentin Clinton verübt werden soll. Mit zunehmender Begeisterung legt die Frau einen feierlichen Eid ab. An einer Blechtonne erklärt Kuschmann mit gruseliger Genauigkeit, wie einfach die Fassbomben aufgebaut sind, die das Assad-Regime in Syrien auf Zivilisten wirft. Von den Nägeln darin reicht er einige ins Publikum: „Stechen Sie sich.“ Manche Dinge wie Merkel-Witze kommen dagegen eher flach rüber. Die Einblendung eines Blogs, in dem werdende Mütter darüber chatten, dass sie kein Schreckensbilder sehen wollen, lässt die Spannung abfallen.

„2099“ ist eine nicht einmal allzu strenge Publikumsbeschimpfung. Antworten hat das Zentrum nicht, aber es stellt berechtigte Fragen.

1., 18., 25., 28.10., 7., 13.11., Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

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