BERGKAMEN ▪ Noch umspielt ein süffisantes Grinsen seine Mundwinkel, die Beine hat der Lebemann lässig von sich gestreckt – doch mit jeder Minute werden seine Knie weicher. Denn der Partymarathon ist vorbei. Endgültig und für immer. Dem Bacchus hat das letzte Stündlein geschlagen.

Unter Tränen nehmen die Narren Abschied vom Bacchus. ▪
Die Mitglieder der 1. Karnevalsgesellschaft Blau-Weiss Bergkamen haben ihre Glitzerkostüme im Schrank gelassen und tragen Schwarz. Mit Aschermittwoch haben nicht nur die närrischen Tage ein Ende, auch unter das irdische Dasein des Weingottes wird traditionell ein Schlussstrich gesetzt.
Während die Trauergemeinde die Taschentücher zückt und „Pfarrer“ Klaus Metzenbauer in seinem Gebetsbüchlein blättert, genießt der Trunkenbold noch einen letzten Zigarettenzug. In seinem Hosenbund stecken eine Amaretto- und eine Sektflasche – natürlich leer. Das Luftschlangen-Knäuel auf seinem Haupt ist eines der letzten Überbleibsel einer Reihe durchzechter Nächte.
Doch Aschermittwoch hin oder her: Einmal wird Raphaela ihren royalen Pflichten noch nachkommen – und zwar im Nachbarausland. „Am Samstag haben wir einen Auftritt in Belgien“, verrät ihre Mutter Manuela Westphal und zieht sich die Jacke über. Das Begräbnis steht unmittelbar bevor, Vereinsprinzessin Nicole II. setzt einen Zylinder auf. Prinz André I. schnappt sich den Scheidenden und fragt ihn mit ernster Miene: „Hast du noch etwas zu deiner Verteidigung zu sagen?“ Doch der Angeklagte schweigt.
Unter Tränen der Anwesenden wird er schließlich auf dem Parkplatz der Overberger Gaststätte Haus Schmülling verbrannt. Der Pfarrer erinnert in seiner Rede an die Laster des sündigen Mannes. „Kaum war die eine Frau weg, kam die nächste“, sagt er mit vorwurfsvollem Unterton. „Mach's gut, du alter Saufkopp!“, schluchzt eine Karnevalistin und schaut wehmütig in die Flammen. Einmal noch streckt der Bacchus sein Bein kerzengerade, in bester Funkenmariechen-Manier, in die Höhe, dann ist Schluss. Als sich die Hinterbliebenen zum Leichenschmaus wieder in die Kneipe begeben, ist von dem Schluckspecht nur noch ein Häufchen Asche übrig. Eines aber ist sicher: Der Bacchus wird auferstehen, sich wie ein Phönix erheben. Spätestens am 11.11. ▪ rw



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