Hammer Händler über Pegida-Hetzer Pirinçci - Schreddern abgesagt

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Pegida-Demo in Dresden.

[Update 19.50 Uhr] Hamm - Wie weit darf „freie Meinungsäußerung“ gehen, wo setzt Zensur ein? Das ist aktuell ein Thema für die Hammer Buchhändler und die Stadtbüchereien nach der Hassrede des deutsch-türkischen Schriftstellers Akif Pirinçci gegen Politiker und Muslime auf der „Pegida“-Kundgebung am Montag in Dresden.

Wegen Pirinçcis mit NS-Vokabular durchsetzten Parolen und seinem Hinweis, dass „KZs ja leider derzeit außer Betrieb“ seien, hat nun die Staatsanwalt Ermittlungen wegen des Verdachts der Volksverhetzung aufgenommen, die Verlagsgruppe Random-House kündigte die Verträge mit ihm. Wie gehen der Hammer Buchhandel und die Stadtbüchereien mit Pirinçci-Büchern um?

Seit langem "keine Nachfrage" nach Pirinçci

Durchweg bestätigen alle, dass es seit langem „keine Nachfrage“ nach Pirinçci gebe. Auch bei den Stadtbüchereien ist keiner der verfügbaren Romane („Das Duell“, „Göttergleich“) ausgeliehen. Ebensowenig wie das Pamphlet „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“, das in der Bezirksbibliothek Herringen sogar als „Ratgeber“ geführt wird. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ wertet den Inhalt als „pure Menschenverachtung“, als „vulgär, verletzend, beleidigend, an der Grenze zur Volksverhetzung.“ An ein Aussortieren denkt Dr. Volker Pirsich, der Städtische Bibliotheksdirektor, nicht: „Eine Zensur findet bei uns nicht statt“, sagt er.

Margret Holota: "Geldverdienen hat Grenzen"

Margret Holota bietet keine Pirinçci-Bücher an.

Ganz anders Margret Holota, die in der Fußgängerzone zwei Buchhandlungen betreibt: „Geldverdienen hat Grenzen“, lehnt sie es ab, Pirinçci-Bücher anzubieten – „und ,Deutschland von Sinnen’ schon gar nicht.“ Holota führt eindeutig politische Gründe für ihre Entscheidung an und erinnert daran, dass sie schon das 2010 erschienene antiislamische Dossier „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin nicht geführt hat.

Während Ulrich Stern noch einen „alten ,Felidae’-Comic seit Urzeiten rumliegen“ hat, gibt es bei „Thalia“ laut Filialleiterin Susanne Franz nur noch eine „Göttergleich“-Ausgabe – im Antiquariat. Bei der Entscheidung, was im Angebot ist und was nicht sei sie aber abhängig von der Thalia-Zentrale.

Bei Heike Hüser (Buchhandlung Peters) hat kein Buch von Pirinçci: „Das geht doch gar nicht“, reagiert sie auf dessen Hasstiraden. Allerdings müsse man wissen, über welche Inhalte man konkret diskutiert, darum würde sie es nicht ablehnen, ein Pirinçci-Buch zu bestellen, wenn es gewünscht würde von einem Kunden. Mit dem wolle sie dann aber gerne über den Inhalt diskutieren.

Luise Harms: "Das Thema ist grenzwertig"

Ähnlich sieht das Luise Harms, die „zum Glück“ kein Pirinçci-Buch vorrätig habe: „Das Thema ist grenzwertig.“ Die Äußerungen des Deutsch-Türken seien „indiskutabel“, als Buchhändlerin wolle sie aber auch keine Zensur üben: „Wir sind als mündige Bürger selbst in der Verantwortung, zu entscheiden.“ Pirinçci-Bücher zu schreddern, wie im Martin-Luther-Viertel geplant war (siehe unten), oder gar zu verbrennen, kommt für Harms überhaupt nicht in Frage: „Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen“, zitiert sie Heinrich Heine.

Öffentliches Schreddern im Lutherviertel abgesagt

Als Betreiber des Atrium-Buchpalastes wollte Antiquar Friedhelm Nonte (58) ein Zeichen setzen. Am verkaufsoffenen Sonntag zwischen 13 und 17 Uhr wollte Nonte seinen Bestand von Akif Pirinçci im Antiquariat an der Nassauerstraße 22 öffentlich schreddern.

„Ich hätte nicht gedacht, dass meine geplante Aktion solche Wellen schlägt. Das war sicher nicht meine Absicht, besonders nicht aus wirtschaftlichen Gründen“, teilte Nonte am Freitagabend mit. „Gut gemeinte Ratschläge, aber auch wüste Beschimpfungen aus anscheinend allen politischen Richtungen haben mich dazu gebracht, die geplante Schredder-Aktion abzusagen.“ Nonte entschuldigte sich bei allen potentiellen und tatsächlichen Unterstützern.

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