Er sagte Mandelas Tod voraus

Dieser Zwölfjährige ist schon Medizinmann

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Kyle Todd hat viele Kunden.

Pretoria - Er sagte unter anderem den Tod von Nelson Mandela voraus. Mittlerweile arbeitet der zwölf Jahre alte Kyle Todd als Medizinmann.

Kyle Todd ist zwölf Jahre alt und verbringt wie jeder andere Junge Stunden mit Fernsehen, Videospielen und Fußball. Am Wochenende jedoch tauscht der weiße Südafrikaner seine Xbox gegen einen perlenverzierten Holzstab und die Jeans gegen einen bunten Rock. Barfuß tanzt der blonde Junge dann zu rasenden Trommelschlägen und liest Schicksale aus Tierknochen: Dann arbeitet er als Sangoma - also als traditioneller Medizinmann. In der Branche, die sonst als Domäne der Schwarzen gilt, ist er eine Berühmtheit.

"Ich tanze gerne, weil es den Kontakt zu den Ahnen erleichtert", sagt Kyle mit sanfter Stimme. Vor einigen Jahren habe er seine übernatürlichen Fähigkeiten entdeckt. "Zuerst hatte ich Visionen, ich dachte, es seien Träume oder Albträume." Seine Eltern schoben dies zunächst auf seinen Fernsehkonsum. Doch dann sagte das Kind 2013 den Tod von Südafrikas Nationalheld Nelson Mandela voraus. Und später unter anderem die tödlichen Unruhen, die im April 2015 Johannesburg und Durban erschütterten.

Nach Angaben von Phephisile Maseko vom südafrikanischen Verband traditioneller Heiler ließen sich in den vergangenen Jahren auch einige Weiße als Heiler registrieren. Doch Kyle sei "der jüngste weiße Sangoma" unter den rund 69.000 Mitgliedern. Die Medizinmänner sind in der südafrikanischen Gesellschaft hoch angesehen, vor allem die schwarze Bevölkerung begegnet ihnen mit einer Mischung aus Verehrung und Furcht. Sie behandeln körperliche und seelische Beschwerden und haben nach Überzeugung ihrer Anhänger hellseherische Fähigkeiten.

Im Township Mamelodi am Stadtrand von Pretoria empfängt Kyle einige Kunden: Eine 51-jährige Schwarze wirft den Inhalt eines kleinen Lederbeutels auf den Boden - Würfel, Muscheln, Tierknochen und Münzen. Auf einer Schilfmatte sitzend beginnt der Zwölfjährige sofort, aus der Lage der Teile ihr Schicksal herauszulesen.

Umgerechnet sechs Euro sind für die 30-minütige Sitzung fällig - die Kundin ist zufrieden. "Er war so kraftvoll", sagt die Mutter von vier Kindern. "Die älteren Heiler sagen nicht alles. Sie haben Angst, die ganze Wahrheit zu sagen, während die Jüngeren einfach alles mitteilen, was sie sehen."

Auch Ausbilder Solly Mathebula ist von seinem Lehrling überzeugt: Noch vor seiner Lehre habe Kyle "mit Präzision" aus Knochen lesen können. 2014 absolvierte der Junge dann einige Monate Fastenzeit, Kräuterkurse und lange Wanderungen in den Bergen. Seither gilt er offiziell als Heiler - mit gutem Ruf: "Aus ganz Südafrika und der Welt rufen Leute für ihn an."

In seiner Heimatstadt Musina an der Grenze zu Simbabwe wird Kyle sogar auf dem Heimweg von der Schule angesprochen: "Sie bitten mich, Ihnen ihre Zukunft vorherzusagen. Aber ich sage nein, nicht jetzt."

Anders sieht es in dem vorwiegend von Weißen bewohnten Viertel aus, in dem der Junge mit Eltern und Geschwistern lebt. Manche seiner Freunde fürchten, er könnte sie mit einem Fluch belegen, auch in der Schule wird er gehänselt. "Die meisten meiner Freunde haben sich von mir abgewandt", klagt Kyle. "Es ist schwierig in einer Gemeinde, die die Sangomas nicht versteht", bestätigt sein Vater Mike, ein Mechaniker. "Sie glauben, die Sangomas würden sie verhexen."

Ob er später Vollzeit-Medizinmann wird, kann Kyle nicht sagen. Wenn es nach seinen Eltern geht, dann wird er erst die Schule beenden und anschließend Pharmazie und Pflanzenkunde studieren. Später, so sein Vater, könne Kyle ja vielleicht "beide Richtungen kombinieren".

AFP

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