Nur noch ein Junges zu sehen

Zitterpartie um Berliner Eisbären-Nachwuchs

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Eisbärenmutter Tonja mit einem Jungtier: Auf den Überwachungsaufnahmen des Tierparks ist seit knapp zwei Tagen nur noch einer der beiden neugeborenen Eisbären zu sehen. Foto: Zoo/Tierpark Berlin

Der Eisbären-Nachwuchs im Tierpark hat Berlin vor einer Woche in Aufruhr versetzt. Wie knuddelig Knut einst war, ist unvergessen. Jetzt stellt das Schicksal der Winzlinge in Teilen der Hauptstadtpresse sogar Donald Trump in den Schatten.

Berlin (dpa) - Kleine flauschige Eisbären, die unsicher durchs Gehege tapsen, schlohweißes Fell, schwarze Knopfaugen: Vor dem inneren Auge dürften die notorisch tierverrückten Berliner diese Bilder schon gesehen haben.

Publikumsliebling Knut ist zwar schon ein paar Jahre tot, doch vor einer Woche meldete der Tierpark im Osten der Hauptstadt, dass Eisbärin Tonja Zwillinge geboren hat. Dazu gab es unscharfe Kamera-Aufnahmen, auf denen mit Mühe zwei winzige Würmchen zu erkennen waren. Eine Woche später der Dämpfer: Ein Jungtier hat es höchstwahrscheinlich nicht geschafft. "Drama" titeln Boulevard-Zeitungen am Freitag.

Die Geschichte dieses Nachwuchses ist ein Auf und Ab mit durchaus unappetitlichen Details. Der Öffentlichkeit wären diese vor ein paar Jahren wohl noch vorenthalten worden. Unter der Hand heißt es, andere Zoos schüttelten den Kopf darüber, dass der Tierpark die Geburt in so frühem Stadium publik machte. Dass sehr viele neugeborene Eisbären die ersten Tage nicht überleben, ist in Zoos bekannt. Nicht selten bleibt der winzige Nachwuchs daher erst einmal geheim. In Berlin dagegen nimmt jetzt jeder teil an der Frage: Schaffen sie es?

Dass es rein statistisch nur jeder zweite kleine Eisbär schafft, betonten die Tierpark-Verantwortlichen von Beginn an. Das lehrt die Erfahrung. Der Deutsche Tierschutzbund hat gezählt: Von mindestens 27 seit 2005 geborenen Eisbären in deutschen Zoos hätten sogar nur 10 überlebt, sagt Artenschutzreferent James Brückner. Zwei davon, weil sie von Hand aufgezogen wurden - so auch Knut, der von der Mutter verstoßen worden war.

Solches menschliches Eingreifen ist inzwischen auch in Zoos höchst umstritten. Eisbärin und Jungtiere zu trennen, das wäre für den Tierpark nicht in Frage gekommen, wie Säugetier-Kurator Florian Sicks sagt. "Tonja ist zuständig." Weil die erste Phase so heikel ist, wird das Muttertier völlig abgeschirmt. Nicht einmal Pfleger haben Zutritt zur Wurfbox, in die sie sich im Oktober zurückzog - sie kommt allein mit ihren Fettreserven über den Winter. Laubbläser wurden aus der Umgebung verbannt, ein Wachdienst hat mögliche Störer im Auge.

Das alles hat aber offensichtlich nicht gereicht. Als Sicks in der Nacht zu Donnerstag Aufnahmen aus dem Stall analysierte, bemerkte er, dass schon seit Dienstag nur noch ein Junges zu sehen ist. Was passiert ist, bleibt Spekulation, betont Sicks. Tonja kann sich auf das Junge gelegt haben. Vielleicht hat es nicht genug Milch bekommen. Oder eine Infektion ist tödlich verlaufen. Dass Eisbärinnen tote Junge auffressen, ist in der Natur völlig normal. Kadaver bei sich zu behalten, wäre unhygienisch - und gefährlich: Eisbärenmännchen würden vom Geruch angelockt, sagte Zoodirektor Andreas Knieriem dem RBB.

Selbst für Eisbärenvater Wolodja wären die eigenen Jungen nicht tabu. Überlebt ein kleiner Eisbär, müsste Wolodja deshalb in einen anderen Zoo abgegeben werden - schließlich gibt es nur ein Eisbärengehege im Tierpark.

Auch mit Blick auf den mutmaßlichen Tod eines der beiden Eisbärenbabys beschwichtigt Julia Kögler vom Verband der Zoologischen Gärten: "Das ist keine Tragödie, das ist Natur", sagt sie. "Es ist wichtig, die Bevölkerung daran teilhaben zu lassen, dass Tod und Sterben auch im Zoo dazugehören." Früher hätten sich Zoos eher als heile Welten inszenieren wollen.

Auf Brüche in diesem Bild ist die Bevölkerung aber nicht immer vorbereitet. Wie groß die Entrüstung sein kann, zeigte der Fall des Zoos Kopenhagen, als er eine Giraffe Löwen zum Fraß vorwarf. Diesmal trauern Fans im Netz, von Kritik bislang keine Spur.

Die Hoffnungen ruhen nun auf dem verbliebenen kleinen Eisbären. Vor Frühjahr werden ihn Besucher aber nicht zu Gesicht bekommen. Die Kamera zeigt: Inzwischen hat er Haare bekommen und ist deutlich gewachsen. Sicks freut sich: "Dem geht's gut. Das ist schön zu beobachten."

Mitteilung vom Donnerstag

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