Knast-Drama in Kolumbien

Gefängnis-Horror: Tote an Schweine verfüttert?

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Ein Archivfoto des Gefängnisses.

Bogotá - Es klingt wie ein Horrorfilm, was sich vor 15 Jahren in einem der größten kolumbianischen Gefängnisse ereignet haben soll - nun wird der Fall von rund 100 Verschwundenen neu aufgerollt.

Jineth Bedoya wollte die Wahrheit erfahren - und wurde zur Strafe brutal vergewaltigt und gequält. Als Journalistin des angesehenen Magazins „El Espectador“, die Gerüchten aus dem Gefängnis „La Modelo“ in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá nachspürte, hatte sie für den 25. Mai 2000 einen Besuch bei inhaftierten Paramilitärs genehmigt bekommen. Doch während sie dort auf Einlass wartete, wurde sie entführt, mit einem Auto weggebracht und wusste nicht, ob sie das stundenlange Martyrium überleben würde.

Bedoya hatte in ihren Artikeln angeprangert, dass in dem Gefängnis Menschen verschwänden, Gefangene, Besucher und Verschleppte. In einer Sektion, in der vor allem rechtsgerichtete Paramilitärs inhaftiert waren, für ihre Brutalität berüchtigt. Der Verdacht schon damals: Leichen könnten zerstückelt und in Abflussrohren der Kanalisation unter dem Gefängnis entsorgt worden sein. 15 Jahre ist das her. Bedoya wurde offiziell als Opfer des kolumbianischen Konflikts anerkannt - und brachte sich auch ein in die kurz vor dem Abschluss stehenden Friedensverhandlungen zwischen Regierung und linken Farc-Rebellen in Kubas Hauptstadt Havanna.

Jetzt wird der Fall „La Modelo“ doch noch aufgerollt - auch dank der engagierten Sonderermittlerin der Generalstaatsanwaltschaft, Caterina Heyck. Dank Zeugenaussagen haben sich die Indizien erhärtet. „Weder Einschüchterung noch Angst lassen mich vor den Tätern auf die Knie gehen“, kommentierte Bedoya bei Twitter die am Mittwoch verkündete Entscheidung Heycks. Was seither öffentlich wird, ist schwer zu fassen. In jener Zeit war „La Modelo“ („Das Modell“) wohl ein ziemlich rechtloser Raum. Wärter wurden gekauft und schauten weg.

Oft sind drinnen auch heute noch die Sicherheitskräfte kaum präsent - oder werden geschmiert. Im mexikanischen Monterrey starben erst am 11. Februar nach einer Meuterei unter Gefangenen 49 Menschen, danach entdeckte die Polizei Luxuszellen, sogar mit Sauna und Aquarium.

„Die Zahl kann auf über 100 steigen oder noch viel höher sein“, meint Heyck mit Blick auf die seit letztem Jahr laufenden Ermittlungen zu den Verschwundenen. Sie vermutet, dass es ähnliche Gräueltaten auch in Gefängnissen in Barranquilla, Bucaramanga und Popayán gegeben haben könnte.

Es war die Hochphase des kolumbianischen Konflikts mit vielen Polizisten und Politikern, die lieber wegschauten als getötet zu werden. Sie will auch die damals verantwortlichen Beamten der nationalen Gefängnisbehörde INPEC zur Rechenschaft ziehen: „Wir wissen, dass es Komplizenschaft und Korruption gab.“

Die Paramilitärs (Autodefensas Unidas de Colombia/AUC), die die linke Guerilla bekämpften und sich über den Kokainhandel finanzierten, wurden von EU und USA als Terrororganisation eingestuft - ihr Arm reichte in höchste Regierungskreise. Die meisten legten zwischen 2003 und 2006 die Waffen nieder - im Gegenzug gab es eine Sonderjustiz, die nun auch beim Friedensprozess mit der Farc zur Anwendung kommen soll: Maximal acht Jahre, wenn man mit den Strafverfolgungsbehörden kooperiert. Und ein Ex-Mitglied hat zu „Modelo“ ausgepackt, Teile der Aussagen veröffentlichte das Magazin „Semana“. Demnach gab es drinnen einen Krieg, vor allem zwischen Paramilitärs und Drogenhändlern.

Elektroschocks waren noch das harmloseste. Menschen seien geköpft worden. Und dann war dieser Vertrag der INPEC mit einem Mann, der mehrere Schweinefarmen hatte. Das Gefängnis lieferte Essensreste, die an seine Schweine verfüttert wurden. 2001 sei aber ein Schwein aufgefallen, wie es mit einer Hand im Maul herumlief. Der Ex-Paramilitär meint, menschliche Überreste seien zur Verschleierung der Taten dem Futter beigemischt und an die Schweine verfüttert worden, diese seien plötzlich „sehr schnell sehr dick“ geworden. Daher seien die Leichen verstärkt im Abwassersystem entsorgt worden.

Es geht vor allem um die Jahre 1999 bis 2001. Was stimmt, müssen die Ermittlungen zeigen - wie ernst es Heyck ist, zeigt der Umgang mit dem Fall Bedoya. Die beiden Hauptverdächtigen, einer nennt sich „Der Bäcker“, sollen von der Paramilitär-Sonderregelung mit acht Jahren Höchststrafe ausgenommen werden. Die Journalistin Bedoya ist dankbar, dass nun ernsthaft ermittelt werde, wenn auch Jahre zu spät. „Das schuldet der Staat den Hunderten Opfern des Gefängnisses „La Modelo“.“

dpa

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