Tragischer Fall in Rosenheim

Tochter in Wohnung eingesperrt: Womöglich keine Straftat

+
Das Mehrfamilienhaus in Rosenheim. Hier wurde die 26-Jährige über Jahre eingesperrt.

Rosenheim - Der Selbstmordversuch der Mutter brachte eine menschliche Tragödie ans Licht: Ihre schwer kranke Tochter durfte die Wohnung in Rosenheim kaum verlassen. Die Staatsanwaltschaft ist sich nicht sicher, ob eine Straftat vorliegt.

Nach der Befreiung einer völlig verwahrlosten und geistig behinderten jungen Frau aus einer Wohnung in Rosenheim hat die Staatsanwaltschaft vor voreiligen Schuldzuweisungen gewarnt. „Nach dem bisherigen Kenntnisstand ist es noch nicht sicher, ob zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für strafbare Handlungen vorliegen“, sagte Oberstaatsanwalt Jürgen Branz am Mittwoch. Er sprach vielmehr von einer menschlichen Tragödie. Bei der Stadtverwaltung Rosenheim war der Fall bislang nicht aktenkundig.

Polizisten hatten am Dienstag das verschlossene Zimmer der 26-Jährigen aufgebrochen, nachdem sich deren Mutter unmittelbar vor der Zwangsräumung ihrer Wohnung in Selbstmordabsicht im Treppenhaus in die Tiefe gestürzt hatte. Die 54-Jährige liegt schwer verletzt im Krankenhaus, ihre Tochter wurde in eine psychiatrische Klinik gebracht. Der deutlich jüngere Bruder der 26-Jährigen, der ebenfalls in der vermüllten Wohnung lebte, wurde andernorts untergebracht.

Aggressivität der 26-Jährigen als möglicher Grund für das Einsperren

Branz verwies darauf, dass die Mutter die gerichtlich bestellte Betreuerin ihrer Tochter sei. Deshalb war möglicherweise ein Einschreiten von Sozialbehörden in dem Fall gar nicht geboten. Wie es zudem in Ermittlerkreisen hieß, leidet die 26-Jährige an Autismus und ist extrem aggressiv gegenüber Fremden. Dies könnte ein Grund dafür sein, warum die Mutter ihr Kind nicht aus der Wohnung ließ.

Die Stadtverwaltung Rosenheim war mit dem Fall bis zum Selbstmordversuch der Mutter und der Befreiung der Tochter nicht befasst. Weder Sozialamt noch Jugendamt hätten mit der Familie Kontakt gehabt, sagte der städtische Fachdezernent für Soziales und Jugend, Michael Keneder. Auch habe die Familie kein Wohngeld bezogen. Die Wohnung gehört nicht der Stadt. Vorrangig sei nun, der Familie zu helfen, ergänzte Keneder.

Die Kripo kündigte umfangreiche Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat an. Vor allem müsse herausgefunden werden, wie lange die junge Frau in der Dachgeschosswohnung auf diese Weise leben musste „und ob sie tatsächlich eingesperrt war“, sagte Polizeisprecher Stefan Sonntag. Dazu sollen auch Nachbarn der Wohnanlage im Rosenheimer Norden befragt werden. Die Kripo steht zudem mit den zuständigen Behörden in Kontakt. Die 54-Jährige und ihre Tochter waren zunächst nicht vernehmungsfähig.

dpa

Mehr zum Thema

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare