Islamistenführer Al-Turabi stirbt im Sudan

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Al-Turabi wurde bereits beigesetzt.

Khartum - Bin-Laden-Freund, Chefideologe, graue Eminenz: Der Sudanese Al-Turabi gehörte einst zu den schillerndsten Figuren in der internationalen Islamisten-Szene. Dann fiel er in Ungnade.

Der sudanesische Islamistenführer Hassan Abdallah Al-Turabi ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Der einstige Chefideologe des fundamentalistischen Militärregimes hatte seine Wurzeln in der Muslimbruderschaft. Er übte enormen Einfluss auf islamistische Gruppen über sein Land hinaus aus. Al-Turabi starb nach einem Herzinfarkt in einem Krankenhaus in der Hauptstadt Khartum, wie ein Sprecher seiner Volkskongresspartei der Deutschen Presse-Agentur am Samstag bestätigte.

Al-Turabi gehörte zu den Drahtziehern des Militärputsches von 1989, der Präsident Omar Hassan Al-Baschir an die Macht brachte. Lange Zeit galt er als graue Eminenz des Regimes. Seine Vision war die Schaffung des ersten islamischen Gottesstaates auf afrikanischem Boden.

Al-Turabi war in den 1990er Jahren ein Champion des radikalen Islams. Immer wieder musste er sich Fragen nach Menschenrechtsverletzungen und Verbindungen zum internationalen Terrorismus gefallen lassen. Beispielsweise fand der international gesuchte Top-Terrorist „Carlos“ Unterschlupf im Sudan. Auch der später getötete Al-Kaida-Chef und Terror-Drahtzieher Osama bin Laden lebte von 1991 bis 1996 als Bauunternehmer in dem Land und zog von dort aus seine Fäden. Auf Druck der USA musste Bin Laden den Sudan verlassen.

Ende der 1990er Jahre ging Al-Turabi auf Distanz zum Präsidenten und versuchte, dessen Macht einzuschränken. Machthaber Al-Baschir entließ ihn 1999 als Parlamentspräsidenten. Nach dem verlorenen Machtkampf gründete Al-Turabi den Nationalen Volkskongress als streng islamische „Oppositionspartei“.

Präsident Al-Baschir, der das Land seit 1989 mit harter Hand regiert, wird wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Bürgerkriegsregion Darfur per Haftbefehl vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gesucht.

Al-Turabi verlor seine staatliche Machtbasis, behielt aber großen gesellschaftlichen Einfluss. Er wurde mehrmals kurzzeitig unter dem Vorwurf des Landesverrats verhaftet und unter Hausarrest gestellt. In der Familie Al-Turabis, der 1932 in Kassala im Osten des Sudans geboren wurde, herrschte eine lange Tradition des Sufismus, einer mystischen und spirituellen Richtung des Islams.

dpa

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