Überschwemmungen nach Unwetter

Hochwasser in Süddeutschland: Ein Überblick

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Das kleine Dorf Braunsbach ist nicht mehr wieder zu erkennen.

München - Zahlreiche Unwetter haben in den vergangenen Tagen Teile Süddeutschlands verwüstet. Vier Menschen starben bei Überschwemmungen. Ein Überblick über das Chaos.

Update vom 1. Juni 2016: Schwere Unwetter haben Süddeutschland weiterhin im Griff. In Niederbayern sorgen heftige Regenfälle für Überschwemmungen, im Landkreis Rottal-Inn wurde der Katastrophenalarm ausgerufen. Wir berichten im News-Ticker.

Welche Regionen hat das Unwetter extrem erwischt?

Gewaltige Gewitter haben Tod und Chaos nach Süddeutschland gebracht. Die Bilanz ist verheerend: Vier Menschen sterben in Baden-Württemberg, Flüsse treten über die Ufer, das Hochwasser und die Überschwemmungen hinterlassen Verwüstungen. Schuld daran: Das Tief „Elvira“, das am Montag wütete.

Wir fassen die vergangenen Tage zusammen, wo was passiert ist und ob die Gefahr nun vorbei ist - ein Überblick:

Besonders heftig traf es Baden-Württemberg. In Schwäbisch-Gmünd starben durch das Unwetter zwei Menschen - ein 21-Jähriger und ein 38 Jahre alter Feuerwehrmann. Bei einer Überschwemmung ist der 21-Jährige von den Wassermassen in den Schacht einer Bahnunterführung gezogen worden. Der Feuerwehrmann wollte ihn retten und ertrank ebenfalls. Wegen des Unglücks geraten die Schäden an mehreren Hundert Häusern in der Stadt beinahe in den Hintergrund.

Zwei weitere Menschen kamen ebenfalls in der Region ums Leben. Ein 13 Jahre altes Mädchen suchte auf dem Heimweg unter einer neu gebauten Eisenbahnbrücke an der Bahnstrecke zwischen Schorndorf und Urbach Schutz. Dort ist das Mädchen wohl zu nahe an die Gleise gekommen und wurde von einem vorbeifahrenden Intercity erfasst und getötet. In Weißbach bei Heilbronn ertrank zudem ein 60 Jahre alter Mann in einer vollgelaufenen Tiefgarage.

In einigen Regionen regnete es binnen zwölf Stunden so viel wie sonst im gesamten Monat Mai. Beispielsweise gingen in Kirchberg-Herboldshausen an der Jagst, östlich von Heilbronn, rund 93 Liter Regen pro Quadratmeter nieder. Massiv traf das Unwetter auch die 2000-Einwohner-Gemeinde Braunsbach über der Ostalb. Drei normalerweise winzige Bäche schwollen so an, dass eine Flut durch das Dort ging. Die Überschwemmung riss ganze Straßen weg, das Hochwasser sorgte dafür, dass mehrere Häuser einsturzgefährdet waren. Teilweise haben die Wassermassen Autos wie Spielzeuge vor sich her geschoben, sie rissen sogar ein Feuerwehrauto mit. Der Wagen wurde durch das Dorf geschleudert, prallte Hunderte Meter weiter unten an eine Hauswand.

Einige Tage danach hingen immer noch die Überreste von Autos in Schaufenstern, Baumstämme rissen Löcher in Fassaden. Ganze Wände fehlten an einigen Häusern.

Heftige Unwetter in Bayern

Im niederbayerischen Hohenthann prasselte von 20.00 Uhr bis 21.00 Uhr am Sonntag binnen einer Stunde 67 Liter pro Quadratmeter auf den Boden. So viel Regen fällt in der Region dort binnen eines halben Monats. Auf der Wetterseite des Meteorologen Jörg Kachelmann war von stellenweise 50 bis 100 Litern die Rede, die in Süddeutschland innerhalb von nur ein bis zwei Stunden gefallen seien. Zum Vergleich: Der Monatsdurchschnitt für Mai beträgt für Bayern 90 Liter pro Quadratmeter. Im mittelfränkischen Gollhofen (Landkreis Neustadt an der Aisch/Bad Windsheim) kamen 64 Liter Regen pro Quadratmeter binnen kürzester Zeit herunter.

In den Orten Flachslanden und Obernzenn bei Ansbach verwandelten sich durch die Unwetter in der Nacht zum Montag binnen kurzer Zeit schmale Bäche in reißende Flüsse und überfluteten viele Straßen und Keller, wie Einsatzleiter Thomas Müller berichtete. 

Die Altstadt von Ansbach entging nur knapp einer Überschwemmung. Als in den frühen Morgenstunden am Montag die Flutwelle aus den umliegenden Orten in der mittelfränkischen Stadt ankam, habe der Pegel der Fränkischen Rezat gefährliche 3,92 Meter angezeigt, bestätigte ein Sprecher der Feuerwehr. Bei einem Wasserstand von mehr als 4 Metern wäre eine Überflutung der gesamten Altstadt wahrscheinlich gewesen, sagte er.

Eine Konsequenz des Hochwassers: Die Bahnstrecke zwischen Würzburg und Ansbach musste bis Dienstag gesperrt werden. Die Schienen waren auf bis zu 200 Metern Länge mit Schlamm und Geröll bedeckt. Als Ersatz für die Regionalbahnen wurden zwischen Würzburg und Ochsenfurt sowie zwischen Steinach und Ansbach Busse eingesetzt, zwischen Ochsenfurt und Steinach pendelte ein Regionalzug im Stundentakt.

Überschwemmungen und Gewitter in Rheinland-Pfalz und Hessen

In Rheinland-Pfalz verursachte Hagel große Schäden in einigen Weinbergen, in Hessen gibt es Ernteschäden bei Erdbeeren und Zuckerrüben. Neben der Landwirtschaft litten auch kleinere Orte unter dem Unwetter. Bäche traten über die Ufer und hinterließen Schlamm und Verwüstungen. Bei heftigen Gewittern blitzte es häufig. Bei einem Blitzschlag in Hoppstädten wurden 33 Menschen verletzt, darunter 29 Kinder. Nach Angaben von Zeugen soll der Blitz buchstäblich aus heiterem Himmel gekommen sein, als das Spiel von zwei E-Jugend-Mannschaften gerade abgepfiffen wurde.

„Einige Kinder wurden zu Boden geschleudert“, sagte ein Augenzeuge. Sie hätten zum Teil über Herzschmerzen und Brechreiz geklagt. Am schwersten verletzt worden war laut Polizei ein 45 Jahre alter Betreuer, der einen Herzkreislauf-Stillstand erlitten hatte. Er war von Ersthelfern bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes wiederbelebt worden.

Eine weitere Folge des Unwetters war, dass die Pegelstände der großen Flüsse wie Rhein, Nahe und Mosel nach Unwetter hochschnellten. Die Mosel erreichte am Dienstag 5,70 Meter. Das seien rund 2,50 Meter mehr als normal, sagte ein Sprecher des Hochwassermeldezentrums in Trier. Mit einem weiteren Anstieg am Dienstag rechneten die Behörden nicht.

Unwetter in Nordrhein-Westfalen

In der Nacht zum Dienstag zog erneut ein Unwetter durch Nordrhein-Westfalen. Die Feuerwehr im Kreis Euskirchen rückte in der Nacht zum Dienstag zu rund 150 Einsätzen aus.

Bei Aachen verstopften Laub und Schlamm Kanalrohre, das Wasser lief über die Straßen und flutete Keller. Verletzte gab es keine. Besonders betroffen in Nordrhein-Westfalen war in der Nacht - wie schon am Freitag - die nördliche Eiffel. 64 Liter Niederschlag pro Quadratmeter seien innerhalb von 24 Stunden an der Station Kall-Sistig gemessen worden, sagte eine Meteorologin des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Wassermassen rissen einen Flüssiggastank aus der Verankerung, der daraufhin auslief. Eine Produktionshalle stand unter Wasser. Das Deutsche Rote Kreuz versorgte Anwohner und rund 250 Helfer. In Stolberg bauten Einsatzkräfte mit Sandsäcken Deiche, um die Häuser zu schützen.

Hilfe und Aufräumarbeiten nach Hochwasser

Tausende Helfer waren bereits kurz nach der Gewitternacht im Einsatz. Aber die großen Aufräumarbeiten kommen erst in den nächsten Wochen und Monaten. Blockierte Straßen, verstopfte Brücken und kaputte Häuser. Den Anwohnern der vom Unwetter betroffenen Orte steht viel Arbeit bevor. In Schwäbisch Gmünd startete der Oberbürgermeister Richard Arnold eine Anlaufstelle für freiwillige Helfer. Für manche Bürger sei es schwierig, die Schäden allein zu beheben, sagte er. Zudem wurde ein Spendenkonto eingerichtet.

Im Werk des Autobauers Audi in Neckarsulm gingen ebenfalls die Aufräumarbeiten weiter. Der starke Regen hatte Teile des Werks im Kreis Heilbronn unter Wasser gesetzt. Die Produktion wurde am Montag vorübergehend gestoppt, erst mit der Spätschicht lief sie in Teilen wieder an. „Jetzt wird natürlich mit Hochdruck aufgeräumt und dann schauen wir weiter", sagte eine Sprecherin.

In Bayern haben die Überschwemmungen ebenfalls viele Schäden hinterlassen. Straßen waren aufgrund von Erdrutschen, Unterspülungen und umgestürzter Bäume noch nicht befahrbar. Die Feuerwehr musste auch kleinere Keller auspumpen, da diese durch das nachfließende Wasser immer wieder vollliefen.

Unwetter-Lage in den nächsten Tagen

Die Unwettergefahr im Süden ist vorerst vorbei. Allerdings ziehen einige neue Gewitter auf. Der DWD warnte am Montag nirgends mehr vor Unwettern, es gab allerdings Vorwarnungen vor weiteren Gewittern. Denn: Von Osten ziehen bereits die nächsten Unwetter voran. Für den Nordosten Deutschlands sowie einige Teile im Süden gibt es die Vorabinformationen zu Überschwemmungen und Gewittern. Für Mittwoch sind zwar weitere Niederschläge angekündigt, allerdings ist noch unklar, ob sich das auf Pegelstände auswirken wird.

Für die betroffenen Orte wird es wohl keine Verschnaufpause geben. Bereits im Laufe der Woche erwarteten Wetterexperten wieder heftige Niederschläge für den Süden Deutschlands.

Ob Ihre Region betroffen ist, können Sie jederzeit auf der Webseite des Deutschen Wetterdienstes prüfen.

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