"Handys? Wir leben auch ohne sehr gut"

Hier finden Strahlen-Empfindliche eine Zuflucht

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Anne Laure Mager (l.) und Madhu Elvin.

Perpignan - Eine enge, kurvige Straße in den französischen Pyrenäen führt in das abgelegene Bergdorf, das zum rettenden Rückzugsort für Strahlen-Eremiten werden soll.

Nur einige wenige Häuser aus Granitstein liegen hier in dem von einem Gebirgsbach durchzogenen Tal, der Blick schweift über runde Bergkuppen und dunkle Eichenwälder. Mehr als das malerische Idyll fühlt sich Anne-Laure Mager aber von etwas ganz anderem angezogen: In der Region gibt es weit und breit keinen Mobilfunkmast - und die 29-jährige Französin leidet nach eigenem Bekunden unter Elektrosensibilität.

Sie will das kleine Bergdorf zu einer Art Kurort für sich und Leidensgenossen machen, die empfindlich auf elektromagnetische Strahlen reagieren, wie sie von Funkmasten, aber auch WLAN-Netzwerken ausgehen. Die Vorstellung eines flächendeckenden Handynetzes im ganzen Land ist für sie ein Grauen: "Wir wollen nicht-abgedeckte Zonen bewahren."

Hirngespinst oder unterschätzte Gefahr - beim Thema Elektrosensibilität scheiden sich die Geister. Viele Menschen bringen Symptome wie Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder Konzentrationsstörungen mit elektromagnetischen Strahlungen in Verbindung. In der Forschung ist ein solcher Zusammenhang aber umstritten; das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz schreibt auf seiner Website, er sei "mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen".

Auch in Frankreich gilt Elektrosensibilität nicht offiziell als Krankheit. Im vergangenen Jahr erkannte ein Gericht im südfranzösischen Toulouse aber erstmals Elektrosensibilität als schwere Behinderung an und sprach einer Frau deswegen finanzielle Hilfen zu.

Anne-Laure Mager, die in der Mittelmeerstadt Perpignan am Rande der Pyrenäen wohnt, beschreibt ihr Leiden mit drastischen Worten: Sie habe unerträgliche Kopfschmerzen gehabt, unter Gedächtnisverlust gelitten und sich nicht mehr konzentrieren können. Um die Strahlen abzuwehren, legte sie sich ein Tuch aus feinem Kupferdraht über, wenn sie ihr abgeschirmtes Haus verließ.

Abhilfe hätten Ausflüge in das weitab von Handymasten gelegene Pyrenäen-Tal geschaffen. "Es reicht in geschützte Zonen zu gehen, um sich zu entgiften", sagt Mager. "Ich habe hier drei Wochen verbracht. Ich habe wieder Dinge machen können, die ich vorher nicht mehr machen konnte. Es war magisch."

In Schweden ist Elektrosensibilität als Behinderung anerkannt, in der Schweizer Stadt Zürich steht ein Schutzgebäude für Betroffene, in dem WiFi und Handys tabu sind. Mager will nun in Frankreich den ersten Rückzugsort für Menschen mit Elektrosensibilität schaffen. Die Betroffenen könnten hier eine Art "Kuraufenthalt" machen und "neue Energie tanken".

Die Bedingungen in dem abgelegenen Pyrenäen-Tal seien ideal, zeigt sich die 29-Jährige begeistert: Es gebe kein Handynetz, und die rund 20 Einwohner, die das ganze Jahr über in den sechs Häusern wohnen, wollten auch keines.

"Handys? Wir leben auch ohne sehr gut", bestätigt Madhu Elvin, die in dem Mini-Ort eine Unterkunft mit Platz für 40 Gäste betreibt. "Wir haben hier keine Tablett-Computer. Wir reden miteinander." Von der Außenwelt abgeschnitten seien die Menschen hier aber keineswegs: Der Ort ist per Kabel an das Telefonnetz angeschlossen und per Satellit ans Internet.

Anne-Laure Mager hat bereits ein Haus zum Kauf gefunden, in dem die Strahlen-Eremiten leben könnten. Doch dazu braucht sie nicht nur 600.000 Euro - sie benötigt auch die Garantie, dass in der Region nie Handymasten aufgestellt werden.

Doch die Ministerien und Behörden, an deren Türen Mager geklopft hat, halten sich mit festen Zusagen zurück. Und im Rathaus der Gemeinde Amélie-les-Bains, auf deren Gebiet das kleine Bergdorf liegt, heißt es zwar, man sei "nicht gegen" das Projekt. "Aber das alles steckt noch in den Kinderschuhen." Ob das idyllische Bergdorf in den Pyrenäen also wirklich jemals zu einem Kurort für Menschen mit Elektrosensibilität wird, steht noch in den Sternen.

AFP

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