Ticker zum Nachlesen

Prozess um Zugunglück: Das passierte am ersten Tag

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Ulrike Thole ist eine der Verteidigerinnen von Michael P.

Traunstein - Nach dem Zugunglück bei Bad Aibling muss sich seit diesem Donnerstag ein Fahrdienstleiter wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. In unserem Ticker können Sie den Prozessauftakt nachlesen.

  • Der Frontalzusammenstoß zweier Nahverkehrszüge am 9. Februar 2016 war eines der schwersten Bahnunglücke der deutschen Nachkriegsgeschichte. 
  • Der 40-jährige Fahrdienstleiter muss sich wegen fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor dem Landgericht Traunstein verantworten.
  • Er soll die Signale für die Züge falsch gestellt haben, weil er durch das Handy-Rollenspiel „Dungeon Hunter 5“ abgelenkt war.
  • Der Prozess startet an diesem Donnerstag und ist auf sieben Verhandlungstage angesetzt.
  • Der Angeklagte hat ein Geständnis abgelegt. Im weiteren Verlauf der Verhandlung sind an diesem Donnerstag zwei Polizisten als Zeugen geladen.
  • Das Urteil soll am 5. Dezember verkündet werden.
  • Kripo-Beamte sagt zur Handynutzung des Angeklagten aus.
  • Hier finden Sie eine Chronologie der Ereignisse in den Stunden und Tagen nach dem Zugunglück.
  • Mehr Hintergründe zum Zugunglück und das Wichtigste aus dem Prozess lesen Sie bei unserem Partnerportal mangfall24.de.

Prozessauftakt: Der Ticker zum Nachlesen

+++ Nach der Aussage des Gutachtens wurde die Sitzung für heute beendet. Der Prozess wird am Montag den 14. November fortgesetzt. Dann sollen insgesamt zehn Zeugen aussagen, dabei sind vor allem Bahnmitarbeiter sowie ein Mitarbeiter der Hersteller-Firma des Handyspiels. Hier finden Sie den Artikel zum Prozessauftakt.

+++ Von der Münchner LMU sagt jetzt der Rechtsmediziner Prof. Dr. med. Matthias Graw aus. Er präsentiert in seinem Gutachten die Todesursachen aller zwölf Opfer, die am 09. Februar ihr Leben verloren. Wie die Reporterin von mangfall24.de vor Ort berichtet, wirkt der Angeklagte deutlich mitgenommen bei der Aussage des Mediziners.

+++ Ein weiterer Polizist bestätigte in seiner Aussage, dass der Angeklagte einen Wert von 0,0 Promille beim Atem-Alkoholkontrolle gehabt habe. Dieser Test wurde zeitnah nach dem Zugunglück durchgeführt.

+++ Nun wird gezeigt, wie das Notruftelefon funktioniert: Man muss erst eine rote Notruftaste drücken, dann erscheinen auf einem Display zwei verschiedenen Tasten - einmal für „Strecke“, mit der man die Zugführer und eine Taste mit der man die Fahrdienstleiter erreicht. Das berichtet unser Partnerportal mangfall24.de.

+++ Die Verhandlung wird jetzt fortgesetzt. Es geht auch nach dem Mittagessen weiter mit den Vernehmungen der Kripo-Beamten.

Der Vormittag im Prozess

+++ Bei einer polizeilichen Vernehmung soll Michael P. angegeben haben, dass er das Handyspiel „Dungeon Hunter 5“ zwar kenne, doch dass sein Telefon nur im Raum gelegen habe. Wie man sein privates Handy am Arbeitsplatz nutzen darf, erfahren Sie hier.

+++ Dank der Auswertungen des Handys konnten die Beamten eindeutig belegen, dass der Angeklagte um 6.38 Uhr noch einen Einkauf in seinem Fantasy-Rollenspiel getätigt hatte - also exakt zu der Zeit, als er dem Zug aus Kolbermoor das Signal zur freien Weiterfahrt gab. Nach Ansicht des Kriminalbeamten habe der Angeklagte das zweite falsche Signal gegeben, weil er bei der Sturmwarnung von einer sogenannten Phantomstörung ausgegangen sei.

+++ Auch die Handynutzung des Angeklagten kommt jetzt zur Sprache: Das Bayerische Landeskriminalamt habe über den Hersteller des Spiels „Dungeon Hunter 5“ ermitteln können, dass der Angeklagte nahezu in jedem Dienst auf seinem Handy gespielt habe. „Sehr viele Spielzeiten decken sich mit den Dienstzeiten“, meinte der Kripo-Beamte vor Gericht.

Auf dieser Grafik sehen Sie die Unfallstelle bei Bad Aibling.

+++ Der Kripo-Beamte aus Rosenheim gab an, dass das toxikologische Gutachten des Angeklagten negativ ausgefallen sein: der 40-Jährige hatte also weder Alkohol, Medikamente noch Drogen im Blut. Zudem seien alle relevanten Daten - wie Funksprüche, GPS-Signale und Videoaufnahmen -  gleich nach dem Unglück sichergestellt worden. Die Polizei sei so zu dem Ergebnis gekommen, dass ein technischer Fehler ausgeschlossen werden kann. Zudem sei die Technik erst am Vortag noch überprüft worden.

+++ Ein sogenannter Erlaubnis-Empfangsmelder hätte, nach Angaben des Polizisten, den Aufprall vielleicht noch verhindern können. Der Apparat meldet, wenn die Strecke belegt ist. Doch aufgrund fehlender Mittel war das Gerät nicht im Stellwerk installiert. Der Polizeibeamter sagte aus, ein solcher Empfangsmelder hätte „eine weitere Stütze geben können, dass die Fahrstrecke bereits gesetzt worden ist“.

+++ Bei der Präsentation des Polizisten ist auch eine Videoaufnahme aus einem Hubschrauber zu sehen, der die Unfallstelle überflog. Das berichtet unser Partnerportal mangfall24.de. Zudem sieht man Bildfahrpläne, in denen die Kreuzungen der Züge eingezeichnet sind. Zum Hintergrund: Der Fahrdienstleiter soll am Unglückstag bei einem solchen Plan in der Zeile verrutscht sein. Deshalb war er der Meinung gewesen, dass die beiden Züge sich im Bahnhof Bad Aibling fahrplanmäßig kreuzen sollten. Daraufhin soll einem der Züge auch ein Signal zur weiterfahrt gegeben haben, das zu dem fatalen Unglück führte.

+++ Der erste Polizeibeamte hat jetzt vor dem Richterpult Platz genommen. Seine Aussage werde mehrere Stunden dauern, meinte der Pressesprecher des Landgerichts gegenüber unserem Partnerportal mangfall24.de. In einer Power-Point-Präsentation hat er eine Vielzahl von Video- und Fotoaufnahmen von der Unfallstelle aufbereitet. Der Angeklagte nimmt das Geschehen derweil gefasst zur Kenntnis. 

Die Bilder zum Prozessauftakt gegen den Fahrdienstleiter

Nebenklage sieht Geständnis als „taktisch“

Das Zugunglück hat bislang schon unzählige Akten gefüllt. Der Prozess ist insgesamt aber nur auf sieben Verhandlungstage angesetzt.

+++ Bei den Nebenklägern löste das Geständnis unterschiedliche Reaktionen aus. Der bei dem Unfall mit einem Nasenbeinbruch, einer Gehirnerschütterung und Prellungen vergleichsweise leicht verletzte 23 Jahre alte Thomas Staudinger sagte vor Journalisten: "Man merkt, dass das von Herzen kommt." Es habe ihn gefreut, dass der Angeklagte gestanden habe. Vorwürfe mache er P. - auch trotz seines Handyspielens - nicht.

+++ Dagegen sagte der Nebenklageanwalt Peter Dürr der Nachrichtenagentur AFP, das Geständnis sei sehr taktisch gewesen. P. habe nur das gestanden, was ihm auch objektiv nachzuweisen sei. "Die eigentlich spannende Frage blieb unbeantwortet." Damit meinte Dürr, wie intensiv P. mit seinem Handy spielte und wie abgelenkt er tatsächlich war. Dies ließ sich bisher nicht vollständig rekonstruieren.

Dürr verwies darauf, dass sich aus Aussagen des Angeklagten bei der Polizei ergebe, dass er auch schon früher trotz Verbots während der Arbeit gespielt habe. P. verweigerte auf Nachfrage des Gerichts aber auch eine Antwort darauf, wie intensiv er sein Handy insgesamt nutzte.

Ulrike Thole ist eine der Verteidigerinnen von Michael P.

+++ Die Verhandlung ist jetzt unterbrochen, bevor es dann mit der Beweisaufnahme im Prozess losgeht. Dann werden zwei Polizisten vernommen, die Angaben zu dem Zugunglück machen sollen.

+++ Der vorsitzende Richter Erich Fuchs befragt den Angeklagten zu seiner Person. Michael P. ist in Rosenheim aufgewachsen und hat bei der Bahn im Schichtdienst gearbeitet, berichtet unser Partnerportal mangfall24.de. Die Schichten seien von 5 Uhr bis 13.30 Uhr oder von 13.30 bis 0.00 oder 00.30 Uhr gegangen. Zum 31.12.2016 schied er einvernehmlichen aus dem Arbeitsverhältnis mit der Deutschen Bahn aus.

Angeklagter legt Geständnis ab

Der Angeklagte Michael P. versucht sein Gesicht vor den vielen Kameras im Gerichtssaal zu verbergen.

+++ Die Verteidigung ergänzt das Geständnis mit dem Hinweis, dass ihr Mandant eine Verletzung der Sorgfaltspflicht gestanden habe. Es bleibe im Prozess aber zu klären, inwieweit er sich auch pflichtwidrig verhalten habe. Michael P. ließ sein Geständnis von seinen Verteidigern verlesen. Ein Nebenklageanwalt warf P. ein taktisches Geständnis vor.

+++ Er wandte sich aber mit einigen persönlichen Worten auch direkt an die Hinterbliebenen der zwölf Toten und an die 89 Verletzten, berichtet unser Partnerportal mangfall24.de: "Ich weiß, dass ich es nicht rückgängig machen kann, obwohl ich mir nichts anderes wünsche." Er habe eine große Schuld aufgeladen. Mit den Gedanken sei er bei den Angehörigen. „Ich hoffe, dass sie das alles aufarbeiten können.“ 

+++ Der 40 Jahre alte Michael P. räumt ein, fehlerhafte Signale gesetzt zu haben. Auch habe er den Notruf falsch abgesetzt. Diese fatalen Fehler führten schlussendlich zum Zusammenstoß der beiden Züge am 09. Februar bei Bad Aibling. Er gestand auch - trotz eines Verbots - während der Arbeit mit dem Handy gespielt zu haben.

+++ Zum Hintergrund: Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatte der Fahrdienstleiter beide Züge am Unglücksmorgen gleichzeitig auf die eingleisige Strecke geschickt. Technische Vorrichtungen, die das eigentlich verhindern, blockierte er. Als der Mann den verhängnisvollen Irrtum bemerkte, beging er laut Anklage einen weiteren Fehler: Er wollte die Lokführer noch warnen, erwischte aber den falschen Knopf, so dass der Alarm nicht in den Zügen ankam.

Verlesung der Anklageschrift

+++ Ruhig und konzentriert verfolgt der 40-Jährige die Verlesung der Anklageschrift durch Staatsanwalt Jürgen Branz. Er senkt immer wieder den Blick und greift sich an die Wange, als die Namen der 89 Verletzten und zwölf getöteten Menschen vorgelesen werden.

+++ Nun wird die elf-seitige Anklageschrift verlesen. Detailliert ist dort der Hergang des Zugunglücks vom 09. Februar beschrieben. Auch sind die Todesopfer mit ihren Geburtsdaten aufgelistet. Das jüngste Opfer war demnach 25 Jahre alt, das Älteste 60. Zudem werden alle Verletzungen der 89 weiteren Personen angeführt. Diese reichen von Prellungen und Platzwunden, über Gehirnerschütterungen und Brüchen, bis hin zu schweren Schädel- und Hirnverletzungen. Während der Verlesung, starrt der Angeklagte auf den Tisch vor sich, berichtet die Reporterin von mangfall24.de.

Der Sitzungssaal ist gespickt voll mit Kamerateams und Fotografen.

+++ Auch an den Zügen entstand ein erheblicher Sachschaden von rund zehn Millionen Euro, für den sich der 40-Jährige verantworten muss.

+++ Der Angeklagte hat nun das Gericht betreten. Er trägt einen scharzen Anorak, hat einen Bart. Mit verschränkten Armen hat er auf der Anklagebank Platz genommen.

+++ Ohne Fußfesseln oder Handschellen betritt der Angeklagte den Sitzungssaal B33 des Landgerichts Traunstein. Er steht auch nicht unter Bewachung, sondern wird von seinen Rechtsanwälten Ulrike Thole und Thilo Pfordte aus München begleitet.

Opfer des Zugunglücks und Hinterbliebene erwarten den Prozessbeginn

Thomas Staudinger wurde bei dem Bahnunglück verletzt.

+++ Über 20 Angehörige von Todesopfern sowie Schwerverletzte werden als Nebenkläger bei dem Prozess dabei sein. Auch viele der insgesamt 89 Verletzten wollen sich die Verhandlung nicht entgehen lassen - so wie Thomas Staudinger (Bild). Er hat sich bei dem Zugunglück die Nase gebrochen und einige Prellungen erlitten. „Ich bin gespannt, wie der Angeklagte aussieht und ob er etwas aussagen wird“, meinte er vor dem Prozessauftakt. Von dem Zusammenstoß selbst weiß er nur noch, dass die Notbremse bedient wurde und es einen Knall gab: „Man merkt erst einmal gar nichts. Erst als die Leute zu schreien anfingen, hat man realisiert, was passiert ist.“ Der 23-Jährige wisse das Leben jetzt mehr zu schätzen. Vom Prozess erwartet er sich, „dass auch zur Sprache kommt, ob der Fahrdienstleiter der alleinige Schuldige ist.“

+++ Es gehe seinen Mandanten nicht darum, dass der Angeklagte die höchstmögliche Strafe bekomme, sagte der Nebenkläger-Anwalt Peter Dürr vor Prozessbeginn, der die Familie eines Todesopfers vertritt. „Es geht ihnen darum, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen kann.“

+++ Staudinger war bei dem Unglück ganz vorne gesessen im Zug. Vom Moment des Aufpralls hatte er nichts mitbekommen.Gefragt, ob er jetzt einen Groll gegen den Fahrdienstleiter hege, meinte er: „Ich habe keine Hassgefühle.“ Er musste sich in Therapie begeben und konnte erst nach vier Monaten wieder einen Zug besteigen. 

Die Presse steht bereit für den Prozessauftakt. Von Links wird der Angeklagte in den Sitzungssaal kommen.

+++ In knapp einer halben Stunde startet der Prozess gegen den 40-jährigen Bahnmitarbeiter. Die Pressevertreter stehen bereit. 

+++ Viele Hinterbliebene und Opfer des Zugunglücks von Bad Aibling werden mit einem mulmigen Gefühl zum Prozess kommen. Im Sitzungssaal dürften die Erinnerungen an das Unglück mit zwölf Toten aufleben. Wir berichten am Donnerstag im Live-Ticker. Beginn ist um 9 Uhr.

+++ Mehr Hintergründe zum Zugunglück bei Bad Aibling lesen Sie bei unserem Partnerportal mangfall24.de.

Vorbericht zum Prozess-Auftakt gegen Fahrdienstleiter von Bad Aibling

Dieses Gericht hat Erfahrung mit Prozessen um große Unglücke. Am Landgericht Traunstein wurde schon über die Schuldfrage beim verheerenden Einsturz der Eislaufhalle in Bad Reichenhall mit 15 Toten im Jahr 2006 verhandelt. Der Dachplaner erhielt eine Bewährungsstrafe, ein Architekt und ein Gutachter wurden freigesprochen. In diesem Februar verurteilte dasselbe Gericht einen 47-Jährigen zu drei Jahren Haft. Der Mann ist für den Tod von sechs Urlaubern verantwortlich, die 2015 bei einem Inferno in seinem Bauernhof starben. Der Brandschutz war unzulänglich. Nun befasst sich in der oberbayerischen Stadt erneut eine Große Strafkammer mit einem Unfall katastrophalen Ausmaßes - dem Zugunglück von Bad Aibling.

Von diesem Donnerstag an muss sich ein Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Dem 40-Jährigen wird vorgeworfen, den Frontalzusammenstoß zweier Nahverkehrszüge am 9. Februar in Bad Aibling verschuldet zu haben. Das Bahnunglück - eines der schwersten in der deutschen Nachkriegsgeschichte - kostete zwölf Menschen das Leben. Fast 90 Insassen wurden teils lebensgefährlich verletzt.

Der Bahn-Mitarbeiter spielte bis kurz vor dem Zusammenstoß das Fantasy-Rollenspiel „Dungeon Hunter 5“ auf seinem Smartphone, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Er soll in dem Spiel, in dem es um das Töten von Dämonen geht, einen Krieger rekrutiert und eine Mission gestartet haben. Dabei hätte er sein privates Handy im Dienst gar nicht benutzen dürfen.

Vom Spielen abgelenkt schickte er den Ermittlungen zufolge beide Züge zwischen den Bahnhöfen Kolbermoor und Bad Aibling gleichzeitig auf die eingleisige Strecke. Technische Vorrichtungen, die das eigentlich verhindern, setzte er durch ein Sondersignal außer Kraft. Als er den verhängnisvollen Irrtum bemerkte, beging er laut Anklage einen weiteren Fehler: Er wollte die Lokführer noch warnen, erwischte aber den falschen Knopf, so dass der Alarm nicht in den Zügen ankam.

Mehr als 20 Angehörige von Todesopfern sowie Schwerverletzte nehmen als Nebenkläger am Prozess teil. Ein zum Unglückszeitpunkt 17-Jähriger aus Rosenheim, der im Wrack eingeklemmt wurde und mit schwersten Verletzungen überlebte, hat schon angekündigt, dass er wenigstens einen der sieben Verhandlungstage verfolgen will.

Doch erst muss der junge Mann noch eine weitere Operation überstehen. Die Retter hatten an jenem 9. Februar Stunden gebraucht, bis sie ihn als letztes lebendes Opfer bergen konnten. Beinahe hätten sie den Schwerstverletzten übersehen, weil anfangs nur eine Gesichtshälfte und ein Teil seiner linken Hand aus den Trümmern ragte.

Im Prozess werden zahlreiche Zeugen aussagen, vor allem Polizisten und Bahnmitarbeiter. Außerdem hat der Vorsitzende Richter Erich Fuchs mehrere Sachverständige geladen, die etwa zur Handynutzung des Angeklagten oder zu den Signalanlagen auf der Unglücksstrecke und dem Stellwerk in Bad Aibling befragt werden. Viele bahntechnische Details dürften dabei bis ins Kleinste erörtert werden.

Rückblende: Faschingsdienstag, 9. Februar, frühmorgens. Auf der Bahnstrecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim ist nicht viel los. Es sind Ferien, daher sitzen keine Schüler im Zug, etliche Berufspendler haben sich frei genommen. Um 6.47 Uhr krachen die beiden Züge namens Meridian ineinander. Ein Triebwagen wird aus dem Gleis geworfen, der entgegengesetzte schlitzt die Front des anderen Zuges regelrecht auf.

Den an der schwer zugänglichen Unfallstelle eintreffenden Rettungskräften bietet sich ein schreckliches Bild. Feuerwehrleute müssen nach und nach neun Tote und Dutzende Verletzte aus total deformierten Waggons holen. Der Zusammenstoß hat enorme Kräfte freigesetzt. Es dauert den halben Tag, bis auch das letzte Opfer geborgen ist. Drei Menschen erliegen in Krankenhäusern ihren schweren Verletzungen. Die erschütternde Bilanz: Zwölf Tote und 89 Verletzte.

Schnell wird klar, dass das verheerende Unglück auf menschliches Versagen zurückgeht. Ein technischer Defekt scheidet aus. Der Fahrdienstleiter im Stellwerk von Bad Aibling gerät bereits am Unglückstag ins Visier der Ermittler, bleibt aber zunächst auf freiem Fuß. An einem geheimen Ort kümmern sich Psychologen um ihn.

Zwei Monate später wird das schier Unfassbare bekannt: Beim Auslesen der Daten auf dem beschlagnahmten Smartphone des Fahrdienstleiters stellen die Ermittler fest, dass der Mann bis kurz vor dem Unfall auf seinem Handy spielte. Der Ermittlungsrichter schickt ihn in Untersuchungshaft. Aus Mitleid von Opfern und Hinterbliebenen mit dem erfahrenen Bahn-Mitarbeiter wird Wut. Gut fünf Monate nach dem Unglück erhebt die Staatsanwaltschaft Traunstein Anklage. Die Höchststrafe bei fahrlässiger Tötung beträgt fünf Jahre.

Der schwer gezeichnete junge Mann, der eingeklemmt im Wrack fast schon dem Tod geweiht war und nur durch den übermenschlichen Einsatz der Helfer überlebte, kündigte im „Münchner Merkur“ kürzlich an, dem Fahrdienstleiter im Sitzungssaal wenigstens einmal ins Gesicht schauen zu wollen. „Und ich möchte die Gewissheit haben, dass er geradestehen muss für das, was er getan hat.“

dpa/Patrick Steinke/Jennifer Bretz/Markus Christandl

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