Studie

Häusliche Gewalt in Deutschland: Erschreckende Opferzahlen

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Über 130.000 Personen wurden 2015 in Deutschland Opfer häuslicher Gewalt. Über 80% davon waren Frauen.

Berlin - Die Zahl der Opfer von Gewalt in Beziehungen steigt seit 2012 stetig an. Über 80 Prozent der Opfer sind Frauen. Die Betroffenen fühlen sich oft machtlos und allein gelassen.

In Deutschland sind im vergangenen Jahr 127.457 Menschen Opfer von Gewalt in ihren aktuellen oder früheren Partnerschaften geworden. Somit stieg die Zahl der Fälle von Gewalt in der Partnerschaft um 5,5% seit 2012. Mit rund 82 Prozent machten Frauen den weitaus größten Anteil der Opfer aus, wie eine am Dienstag in Berlin von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) und dem Präsidenten des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, vorgestellte Auswertung ergab.

Hohe Dunkelziffer

Es handelt sich um die erste statistische Auswertung der Gewalt in Paarbeziehungen. Unter die Delikte fielen Mord und Totschlag, Körperverletzung, sexuelle Nötigung, Bedrohung und Stalking. Schwesig erklärte, das Tabu, nicht über die Gewalt in den eigenen Beziehungen zu sprechen, müsse weiter gebrochen werden. BKA-Chef Münch erklärte, es gebe zusätzlich zu den bereits registrierten Zahlen ein nicht unerhebliches Dunkelfeld, das nicht erfasst sei.

Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Partnerschaften sind der Auswertung zufolge die Opfer zu fast hundert Prozent Frauen. Bei Stalking und Bedrohung sind es demnach fast 90 Prozent. Bei Körperverletzung sowie Mord und Totschlag etwa 80 Prozent.

Die mit Abstand größte Zahl der Taten gibt es laut der Statistik bei der vorsätzlichen einfachen Körperverletzung. Hier wurden der Polizei im vergangenen Jahr 81.394 Fälle gemeldet, davon 65.869 Übergriffe gegen Frauen und 15.525 gegen Männer. Etwa drei Viertel der Fälle gab es in zur Tatzeit laufenden Partnerschaften.

415 Tötungsdelikte davon 331 Frauen

Das zweithäufigste Delikt war mit 18.300 Fällen die Bedrohung, von der 16.289 Frauen und 2011 Männer betroffen waren. An dritter Stelle folgte die gefährliche Körperverletzung, hier gab es 11.415 weibliche und 4639 männliche Opfer. Mord und Totschlag in Partnerschaften zählte die Polizei 415 Mal - 331 Frauen und 84 Männer wurden getötet. Dazu kamen noch sechs Fälle von Körperverletzungen mit Todesfolge, so dass insgesamt 421 Beziehungen in Deutschland im vergangenen Jahr tödlich endeten.

78 Prozent der Fälle gab es bei den Tötungsdelikten in vorher nicht getrennten Beziehungen, in 22 Prozent der Fälle wurden Expartner getötet. Bei ehemaligen Partnerschaften gibt es anteilig die meisten Fälle von Stalking und Bedrohungen. Rund 88 Prozent aller Stalkingfälle gibt es nach Trennungen, außerdem 55 Prozent aller Bedrohungen. Mit 41 Prozent an allen Fällen ist auch der Anteil an Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen überproportional hoch - auch mehr als jede dritte schwere Körperverletzung (36,8 Prozent) ereignet sich nach einer Trennung.

Tendenz steigend

Die erstmals veröffentlichte Auswertung wertete auch polizeiliche Daten der vorangegangenen Jahre aus. Demnach stieg die Zahl der Opfer seit 2012 in jedem Jahr leicht an - von 120.758 Fällen im Jahr 2012 auf die nun gezählten 127.457 Fälle.

Einen gewissen Einfluss auf die Taten hatte Alkohol - 27 Prozent der männlichen Tatverdächtigen und 23 Prozent der weiblichen Tatverdächtigen standen unter Alkoholeinfluss. Von den männlichen Verdächtigen war mit 60 Prozent die Mehrzahl bereits vorher in irgendeiner Form polizeilich aufgefallen, bei den Frauen waren dies mit 38 Prozent deutlich weniger.

Opfern soll besser geholfen werden

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) sagte: „Wir brauchen diese Zahlen, denn sie helfen dabei, häusliche Gewalt sichtbar zu machen.“ Notwendig seien vor allem Maßnahmen zur Prävention. „Häusliche Gewalt gegen Frauen, gegen Männer, gegen Kinder ist keine Privatsache. Es ist eine Straftat - und sie muss entsprechend verfolgt werden“, sagte Schwesig. BKA-Präsident Holger Münch sprach von einem „nicht unerheblichen Dunkelfeld“. Opfer häuslicher Gewalt empfänden ihre Situation oft als ausweglos, deshalb machten sie sich nicht bemerkbar.

Schwesig und Münch warben für das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“mit der Nummer unter 08000 116 016. Dort wird Betroffenen eine 24-Stunden-Beratung angeboten, kostenlos, anonym und in 15 Sprachen.

afp/dpa

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